Diva Gruberová am Rand des Irrsinns

Umjubelt nach Bellinis "Straniera": Die Sopranistin feiert demnächst ihr 45. Bühnenjubiläum.

Diva Gruberov Rand Irrsinns
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Diva Gruberov Rand Irrsinns
Gruberová – (c) APA HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Wahnsinnsszenen, was sonst? Wenn Edita Gruberová singt, wird der Ausnahmezustand zur Norm, auf der Bühne wie im Publikum. Dieses sprang schon zur Pause aus den Sitzen und überschüttete die Diva am Schluss mit Ovationen – wieder ganz zu Recht. In wenigen Tagen begeht die slowakische Sopranistin ja ihr unglaubliches 45.Bühnenjubiläum standesgemäß mit einer weiteren konzertanten Vorstellung von Vincenzo Bellinis funkelnder Rarität „La straniera“ im Wiener Musikverein.

Karten für diesen 18. Februar sind noch zu haben, zudem gibt es einen Gratis-Internet-Livestream (www.sonostream.tv). Doch bei Edita Gruberová, das machte die aktuelle Aufführung erneut deutlich, ist Dabeisein alles – auch wenn es bei diesem Jahrestag nicht um das Erreichen eines bloß sportiven Ziels geht, schon gar nicht mit Anzeichen der Erschöpfung.

Die fremde Oper. Stattdessen ist man Zeuge ihres Fortschreitens auf einem künstlerischen Weg, der sie längst in die musikalischen Gefilde von Bellini und Donizetti geführt hat und dort immer noch kaum beschrittene, lohnenswerte Abzweigungen bietet. Die jüngste Station bei diesen Belcanto-Erkundungen und -Anverwandlungen Gruberovás, die zu den aufregendsten zählen, welche die jüngere Interpretationsgeschichte zu bieten hat, ist also „La straniera“ – eine Fremde auch unter den vergleichsweise wenigen Opern des begnadeten Melodikers. Vielleicht, weil Bellini hier mit noch deutlicherer Radikalität als später nach der Auflösung der Nummern in einem durchkomponierten Musikdrama strebt, dadurch freilich große Spannung erzielt.

Im Gegensatz zu eher hoheitsvoll-selbstbewussten, aktiven Figuren wie Norma oder Donizettis Anna Bolena, mit der Gruberová in Wien zuletzt im Jänner glänzte, ist diese Alaide allerdings mehr eine stille Dulderin, die sich beim ersten Auftritt schon aus der Ferne mit einer in Melancholie getauchten Trillergirlande hören lässt, leidet, liebt, verzichten will, aber immerhin an den beiden Aktschlüssen so effektvoll wie emotionsgeladen an den Rand des Irrsinns gerät.

Triumphüber die Zeit. Schmerz, Klage, empfundene Schuld, daneben innige, nur halb eingestandene Zuneigung: Dass diese „Straniera“ sich fremd fühlt, am falschen Ort leben muss, vermittelte Gruberová imponierend zwischen Pianissimo-Verletzlichkeit und gleißender Kraft – und triumphierte damit en passant erneut über die Zeit, dieses „sonderbar Ding“.

An Paolo Gavanellis Bariton merkt man dagegen die Jahre, José Bros geriet als Arturo nach feinem Beginn zu sehr ins Dramatische, Sonia Ganassi war als Seymour stärker: Unwägbarkeiten im Opernalltag. Welche szenische Deutung Christof Loy mit Gruberová für den etwas kraus ausgeschmückten Stoff um Alaide/Agnes finden wird, die „Nebenfrau“ von Philipp IV. von Spanien, ist ab Juni in Zürich und 2015 im Theater an der Wien zu erleben; dort wie da wohl mit besserer Grundlage, als sie das sehr unausgeglichene Münchener Opernorchester unter Pietro Rizzo bot.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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