Diva Gruberová am Rand des Irrsinns

09.02.2013 | 18:19 |  von Walter Weidringer (Die Presse)

Umjubelt nach Bellinis "Straniera": Die Sopranistin feiert demnächst ihr 45. Bühnenjubiläum.

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Wahnsinnsszenen, was sonst? Wenn Edita Gruberová singt, wird der Ausnahmezustand zur Norm, auf der Bühne wie im Publikum. Dieses sprang schon zur Pause aus den Sitzen und überschüttete die Diva am Schluss mit Ovationen – wieder ganz zu Recht. In wenigen Tagen begeht die slowakische Sopranistin ja ihr unglaubliches 45.Bühnenjubiläum standesgemäß mit einer weiteren konzertanten Vorstellung von Vincenzo Bellinis funkelnder Rarität „La straniera“ im Wiener Musikverein.

Karten für diesen 18. Februar sind noch zu haben, zudem gibt es einen Gratis-Internet-Livestream (www.sonostream.tv). Doch bei Edita Gruberová, das machte die aktuelle Aufführung erneut deutlich, ist Dabeisein alles – auch wenn es bei diesem Jahrestag nicht um das Erreichen eines bloß sportiven Ziels geht, schon gar nicht mit Anzeichen der Erschöpfung.

Die fremde Oper. Stattdessen ist man Zeuge ihres Fortschreitens auf einem künstlerischen Weg, der sie längst in die musikalischen Gefilde von Bellini und Donizetti geführt hat und dort immer noch kaum beschrittene, lohnenswerte Abzweigungen bietet. Die jüngste Station bei diesen Belcanto-Erkundungen und -Anverwandlungen Gruberovás, die zu den aufregendsten zählen, welche die jüngere Interpretationsgeschichte zu bieten hat, ist also „La straniera“ – eine Fremde auch unter den vergleichsweise wenigen Opern des begnadeten Melodikers. Vielleicht, weil Bellini hier mit noch deutlicherer Radikalität als später nach der Auflösung der Nummern in einem durchkomponierten Musikdrama strebt, dadurch freilich große Spannung erzielt.

Im Gegensatz zu eher hoheitsvoll-selbstbewussten, aktiven Figuren wie Norma oder Donizettis Anna Bolena, mit der Gruberová in Wien zuletzt im Jänner glänzte, ist diese Alaide allerdings mehr eine stille Dulderin, die sich beim ersten Auftritt schon aus der Ferne mit einer in Melancholie getauchten Trillergirlande hören lässt, leidet, liebt, verzichten will, aber immerhin an den beiden Aktschlüssen so effektvoll wie emotionsgeladen an den Rand des Irrsinns gerät.

Triumphüber die Zeit. Schmerz, Klage, empfundene Schuld, daneben innige, nur halb eingestandene Zuneigung: Dass diese „Straniera“ sich fremd fühlt, am falschen Ort leben muss, vermittelte Gruberová imponierend zwischen Pianissimo-Verletzlichkeit und gleißender Kraft – und triumphierte damit en passant erneut über die Zeit, dieses „sonderbar Ding“.

An Paolo Gavanellis Bariton merkt man dagegen die Jahre, José Bros geriet als Arturo nach feinem Beginn zu sehr ins Dramatische, Sonia Ganassi war als Seymour stärker: Unwägbarkeiten im Opernalltag. Welche szenische Deutung Christof Loy mit Gruberová für den etwas kraus ausgeschmückten Stoff um Alaide/Agnes finden wird, die „Nebenfrau“ von Philipp IV. von Spanien, ist ab Juni in Zürich und 2015 im Theater an der Wien zu erleben; dort wie da wohl mit besserer Grundlage, als sie das sehr unausgeglichene Münchener Opernorchester unter Pietro Rizzo bot.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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12 Kommentare

bürger gehen in pension nur diven altern nicht!

welch sonderbarer prozess?

Re: bürger gehen in pension nur diven altern nicht!

Es gibt eben zu wenige.- Oder liegt es an der strukturellen Zusammensetzung ihrer Fanclubs?;-)))

FÜR DIE FANS: Reisepläne 2016/7

Noch unbestätigten Meldungen der slowakischen Presse-Agentur zufolge sollen auch die Fans in der Ob-Stmk. in den Genuss einer Gruberova-Tournee kommen - anlässlich seines 70ers soll der Star z.B. im Kurhaus von Bad Gams auftreten. Da dieser Termin unter dem Ehrenschutz der Th.Bernhard-Memorial-Gesellschaft stattfindet, stehen die 2 großen Arien der Königin der Nacht auf dem Programm - der Abend selbst läuft unter dem Motto "Der Ignorant und der Wahnsinnige", dem gemäß das p.t. Publikum eingeladen wird....

Diese Frau war bei Ihrem Debut

(ich glaube: Königin der Nacht im TaW) eine Sensation und ist das mit kleinsten Einschränkungen 45 Jahre lang geblieben.- Hochachtung !

Diese Frau

scheiterte finalmente daran, einen möglichen Fachwechsel nicht geschafft zu haben - auch diese Alaide bewies es eindrücklich...

Re: Diese Frau

Daß sie von einem Fachwechsel absah ist der Grund, warum Sie ein 45 Jahr Jubiläum feiern kann. (Siehe zahlreiche Interviews von ihr zu diesem Thema). Nicht immer klappt sowas, wie bei A. Varnay - man denke an Dernesch, Behrens, Ludwig.

Deshalb

wurde ihr Repertoire auch immer enger - und sie wird also bald eine Alaide am Gehstock darstellen. Die einzige passende Partie ist nunmehr die alte Königin in "Roberto Devereux" - und viele, viele Rollen sind ihr durch die Verweigerung der Fachausweitung verloren gegangen. Falls Sie sie mit der Sutherland vergleichen wollen, werden Sie merken, was da alles möglich gewesen wäre (von der Callas zu reden wäre sowieso unfair)....

Re: Deshalb

Entschuldigung, sie IST altersmäßig in der Oberliga. Callas ist immerhin 'in Schönheit gestorben' (ihr Abschiedskonzert mit diStefano war grenzwertig und überflüssig) und Sutherland, die ich sehr auf Platten schätze, brachte auf der Bühne nicht halb soviel Engagement über die Rampe, wie Frau Gruberova. Ich kenne zur Zeit keine Sängerin in ihrem 'engen' Fach, welche ihr das Wasser reichen könnte. Aber man kennt ja nicht alle.-

TJA - WENN

das "Fach" nur mehr aus ein, zwei Partien besteht, dann wird halt an diesen bis zum letzten Akzent (à la GruberovÀ) "gefeilt". Gruberova HATTE ihre Meriten - sie möge sich auf diesen ausruhen...

Facherweiterung

Angesichts dessen, was da zu hören war, wäre die BRÜNNHILDE (in allen 3 Varianten) doch eine Alternative - und Herr Gavanelli könnte gleich den Hunding röhren....

als sie das sehr unausgeglichene Münchener Opernorchester unter Pietro Rizzo bot

Da schau her! Welche bessere Grundlage bietet denn das Orchester der Wiener Staatsoper? Dort wird bei nahezu jeder Oper von Donizetti demonstratives Desintersse gezeigt und leider auch hörbar umgesetzt.
Rizzis Dirigat war schwungvoll und sehr dynamisch, wobei ihm das sehr gute Orchester mit einer exzellenten Flötistin bestens assistierte.
Bros bot in der schwierigen und undankbaren Rolle des Arturo eine feine Leistung - man höre sich zum Vergleich nur die Kollegen alter Liveeinspielungen (Zambon oder Cioni) an.Er war so belcantesk und so dramatisch, wie es Bellini vorgegeben hat. Immerhin erfordert ein Finale mit dem Suicid des Tenors auch die musikalisch passende Umsetzung. Oder sehen sie das anders, Herr Weidringer?

Gruberová


á - so ist die nicht einmal in der staatsoper auf der liste.

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