„Salome“ bietet viel, sollte aber nicht in den Spiegel schauen

Camilla Nylund gibt in der Wiener Staatsoper einen Weibsteufel mit heller, jugendlicher Sopranstimme im netten, aber wenig dekadenten Umfeld. Das Orchester spielt „Salome“ aufs Herrlichste.

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Symbolbild – (c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)

Richard-Strauss-Aufführungen im Staatsopern-Repertoire sind so etwas wie tönende Beweise für das Gödelsche Theorem: Die Partituren sind reichhaltig genug, dass sogar das in den Noten stehen könnte, was das Staatsopernorchester spielt. Was wirklich drinsteht, weiß Peter Schneider am besten. Doch vertraut er auf die Kompetenz der Wiener Musiker: Da muss dann nicht jedes Tönchen akkurat dort sitzen, wo das Notenbild es hinzeichnet. Es kommt irgendwo in der Nähe, vielleicht unterbleibt es diesmal ganz. Das macht nichts.
Wiens Orchester spielt „Salome“ aufs Herrlichste. Und wenn eine Sängerin wie Camilla Nylund für die Titelpartie aufgeboten ist, wird dank leichter, heller Sopranhöhe auch der Jungmädchencharakter dieser Gräuelfigur akustische Wahrheit: Und doch dringt die Stimme durch alle Blechpanzer, wenn es darum geht, den Kopf des Jochanaan zu fordern.

Das geschieht ohne hochdramatischen Nachdruck – was dem Timbre nützt, einem idealtypischen „Salome“-Erlebnis freilich die Momente höchster Kraftentfesselung vorenthält. Was wiederum ins Gesamtbild dieser 204. Vorstellung im Klimt-Golddekor von Jürgen Rose (Baujahr 1971) passt. Auch der Prophet von James Rutherford schleudert der Königstochter seine Verachtung nicht entgegen. Er singt sogar noch den Fluch wohltönend unforciert.

Was man mit wortdeutlichen vokal-sprachlichen Spitzen an dramaturgischem Effekt erreichen kann, demonstriert hingegen Michaela Schuster, die neue, exzellente Herodias, an deren Seite der Herodes von Thomas Moser sogar eher an den Wein denkt, den man ihm weggetrunken hat, als an den Todesring, der ihm plötzlich am Finger fehlt.

Alles zusammen ergibt eine mehr als achtbare Wiedergabe einer Partitur, in der doch weit mehr steckt: Auch die kleinen und kleinsten Partien bedürften, um dem Geniestreich von anno 1905 wirklich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, einer musikalischen Neueinstudierung, die sich auch im Detail um die Artikulation von Libretto- und Partiturtext kümmert.
International konkurrenzfähig bleibt die Staatsoper auch so. Aber selbst wenn wir, siehe Gödel, Beweise schuldig bleiben müssten: Im Spiegel der eigenen Tradition ließe sich allerhand entdecken, was immerhin mit Strauss' Material schon möglich war . . . sin

„Salome“: 15. und 18. Februar

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2013)

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