Liebenswerte Klischees im Rössl

19.02.2013 | 18:22 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Robert Herzl nutzt eine Chance. Die Wiederentdeckung der Originalpartitur des Meisterwerks von Benatzky & Co. gibt auch Gelegenheit zur Selbstironie.

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Eine große Revue war es einst – und keineswegs im Salzkammergut, sondern in Berlin. Dort kam das „Weiße Rössl“ 1930 im Schauspielhaus zur Uraufführung. Es war alles andere als tönende Fremdenverkehrswerbung, sondern eine parodistische Show, die sich über alles, quasi auch über sich selbst, lustig machte. An einen Welterfolg hatte vor der Premiere niemand gedacht. Vielmehr galt es, sozusagen über Nacht ein neues Stück herauszubringen. Um jeden Preis.

So ist denn das „Weiße Rössl“ so etwas wie rasch hergestelltes Theaterflickwerk – und gehört gerade deshalb zu den faszinierendsten Stücken des musikalischen Unterhaltungstheaters überhaupt. In ihrer Eile gelang den vielen Autoren nämlich so etwas wie das erste deutsche Musical, auch wenn man bis heute von einer Operette spricht und Ralph Benatzky als alleiniger Autor firmiert. Einige der besten Nummern stammen von Komponisten wie Robert Gilbert, der auch die Gesangstexte verfasst hat, Bruno Granichstaedten und Robert Stolz. Weite Teile der Partitur inklusive der großen Ensembles hat Eduard Künnecke geschrieben.

 

Wiederentdeckung der Originalfassung

Künneckes Originalpartitur war verschollen. Nachdem man sie wiedergefunden hatte, konnte Robert Herzl nun in sein Badener Theater zur Erstaufführung bitten: Erstmals bekommen heimische Interessenten also zu hören, wie das einst in Berlin geklungen haben könnte. In Näherungswerten freilich, denn die Berliner Uraufführungsbühne war um ein Vielfaches größer als das Badener Stadttheater, auch der Zuschauerraum, versteht sich. Wo einst eine Materialschlacht aus Dekorationen, Kostümen und üppigen Tanzeinlagen geboten wurde, muss man vor den Toren Wiens anno 2013 selbstverständlich reduzieren – was Herzl, der exzellente Theatermacher, zu manch selbstironischer Pointe zu nützen versteht.

Über das unvermeidliche Missverhältnis zwischen historischer Wahrheit und Stadttheater-Realität macht sich der Intendant keine Illusionen – und gibt seinem Publikum kaum Gelegenheit, sich Gedanken zu machen, vielmehr befleißigt er sich einer schon von den Urvätern des Werks bemühten Selbstironie, wo das nötig ist.

Der Regisseur Herzl versteht es, das Beste aus seinen Darstellern herauszuholen, führt die Figuren wie ein virtuoser Marionettenspieler und sorgt auf dieses Weise dafür, dass jeder sich aufs Beste präsentieren kann und im selben Atemzug den Gang der Komödie schlüssig weiterführt. Wer die jüngere Interpretationsgeschichte des Unterhaltungstheaters in Wien und Umgebung studiert hat, weiß, dass das einen ziemlich singulären Startvorteil für Baden bedeutet.

 

Ein Spaß zum Mitsingen am 14.März

Man nützt ihn: Platzhirsch Sebastian Reinhaller (samt einigen jeweils sogleich lauthals akklamierten zusätzlichen tenoralen Spitzentönen) und Ulrike Steinsky finden als Zahlkellner und Wirtin zueinander – und nützen alle Stolpersteine der bekannten Umwege, die ihnen das Libretto zumutet, zu reschen Pointen-Ausritten.

Jürgen Trekel steuert den Berliner Jargon, Heinz Zuber als Hinzelmann den sächsischen zum multilingualen germanisch-austriakischen Kauderwelsch bei, Johanna Arrouas hölzelt als Klärchen hinreißend – ab dem Duett mit ihrem schönen Sigismund, Nicolaus Hagg, kommt die Aufführung so richtig in Schwung und verträgt ab dann gut beschaulichere Akzente, freche Extempores oder kernige Jodler, wie sie Darius Merstein-MacLeod (Dr. Siedler), Beppo Binder (Partier) oder Kerstin Raunig (Kathi) launig einbringen. Dass all das auch musikalisch vergnüglich verläuft, garantiert das von Franz Josef Breznik geschmeidig geführte Orchester. Aus der Berliner Revue ist ein Badener Kammerspiel geworden, herzerwärmend, nicht nur wenn der Kaiser (Peter Uray) mit seinem Ketterl (Franz-Josef Koepp) ins Spiel kommt. Am herzerwärmendsten gewiss dann, wenn das Publikum mitsingen darf: Dieses Projekt ist für den 14.März avisiert. Geräuspert wurde schon...

Elf Reprisen bis 24.März.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2013)

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