Oper: Von der bitteren Erkenntnis, was Liebe nicht ist

24.02.2013 | 18:51 |  STEFAN MUSIL (Die Presse)

Michael Haneke inszenierte im Teatro Real in Madrid Mozarts „Così fan tutte“: ein zutiefst böses Liebesexperiment von ungeheurer Präzision mit einem großartigen jungen Ensemble.

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Warum hat denn der reiche Herr Alfonso nur diese Despina geheiratet, wo sie doch eine Immigrantin und zwanzig Jahre jünger ist als er?“ Diese Frage – und noch einige mehr – gibt Michael Haneke den Besuchern zu seiner Sicht auf Mozarts „Così fan tutte“ mit, die am Samstag im Teatro Real in Madrid Premiere hatte.

Es ist die zweite Opernregie des österreichischen Filmemachers und es ist das zweite Mal, nach dem Pariser „Don Giovanni“ 2006, dass es Intendant Gerard Mortier war, der ihn zu einer Opernarbeit animieren konnte. Die Premiere musste allerdings ohne Haneke stattfinden, der sich in einem Schreiben bei den Besuchern entschuldigte, dass er nach der Generalprobe zur Oscar-Verleihung nach Los Angeles abgereist ist: Fünf Nominierungen für seinen Film „Amour“ seien dann doch ein zu großes Ereignis für einen Filmemacher, um es auszulassen. Wie viele Trophäen Haneke in Hollywood dann tatsächlich abholen konnte, stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest. Die Liebe jedenfalls steht da wie dort im Mittelpunkt.

 

Warum sind alle so verbissen und so stolz?

Und für seine Arbeit in Madrid würde man ihm ebenfalls gern einen Preis überreichen. Für ein Präzisionswerk, das so auf einer Opernbühne (leider) nicht Standard ist. Haneke gelingt eine messerscharfe Untersuchung am Mozart-Objekt, dessen Handlung es mit seiner Verkleidungswette um die Treue der Frauen immer schon zum Problemfall unter Mozarts drei Da-Ponte-Libretti gemacht hat. Auch Haneke gibt hier nicht die endgültige Lösung. Aber er stellt Fragen: Warum glaubt Don Alfonso, dass ihn seine Despina betrügt? Warum macht er denn für seine Freunde eine Housewarmingparty als Kostümfest? Warum sind die Burschen denn ihrer Mädels so sicher? Warum sind denn alle so verzweifelt, so verbissen und so stolz?

Durchs Brennglas beobachtet zieht hier der alte Don Alfonso eiskalt wie noch nie sein Experiment an den jungen Versuchsobjekten durch. Ein bitterböses Gesellschaftsspiel im famosen Bühnenraum von Christoph Kanter, das auf zwei Ebenen abläuft. Auf einer nach außen gerichteten, deren Protagonisten die von Moidele Bickel in hinreißend entworfene Rokokogewänder gesteckten Gäste des Kostümfestes sind. Vor ihnen darf Despina als Notar verkleidet auftreten, und sie sind die Zeugen der fingierten Hochzeit.

Der verkleidete Trubel findet auch räumlich vor allem im Außen statt, während das Liebesspiel im modern eingerichteten Salon, durch Glastüren von der Loggia getrennt, seinen Lauf nimmt. Als dann das böse Ende den Gästen vor Augen geführt wird, verlassen diese angewidert das Fest. Fiordiligi, Dorabella, Ferrando und Guglielmo sind moderne und heutig gekleidete Menschen, zwei Liebespaare, die kurz davor stehen, in den sicheren Hafen der Ehe zu segeln. Für die gegenseitigen Liebesbezeugungen hat man nur noch ein müdes, gelangweiltes Lächeln. Ist doch das profane Eheglück längst beschlossene Sache. Bis Alfonso die Wette einfädelt. Die marginale, augenscheinliche Verkleidung und der von Alfonso und Despina befeuerte Partnertausch sind dann nur noch der spielerische Katalysator, um die sicher geglaubten Gefühle der jungen Liebenden zu knacken. Auf das heitere, bei Tage begonnene Fest folgt eine rabenschwarze Nacht.

Haneke lässt das von seinem jungen Ensemble in unendlichen Facetten feinst geschliffen spielen. Jede Regung ist Detailarbeit. Auch die Rezitative sind mit unerhörter Präzision gearbeitet, als ginge es um Sprechtheater. Anett Fritsch überzeugt als stimmlich herausragende Fiordiligi, Andreas Wolf lässt als Guglielmo mit vielversprechendem Timbre aufhorchen, Juan Francisco Gatell führt als Ferrando seinen Tenor mit großer Präzision und auch Paola Gardina als Dorabella und Kerstin Avemo als Despina überzeugen typgerecht besetzt. Dirigent Sylvain Cambreling muss man trotz nicht immer reibungsloser Koordination mit der Bühne zugutehalten, dass er sich mit dem wackeren Orquesta Titulares del Teatro Real dem Konzept und seinem gemäßigten, aber dank der Regie spannenden Tempo willigst unterordnet.

 

Don Alfonso will nicht der einzige Depp sein

William Shimell gibt mit nobler, stiller Gefährlichkeit den Don Alfonso, der mit seinem Experiment vielleicht auch nur seiner Despina beweisen möchte, dass er nicht der einzige Depp ist, der betrogen wurde. Diese Perfidie quittiert Despina am Ende mit einer Ohrfeige. Alfonso gibt sie postwendend zurück. Ein letzter, bitterer Triumph in einer Beziehung, die sich nur noch aus gegenseitiger Verachtung zu nähren scheint. „Fortunato l'uom che prende ogni cosa pel buon verso“ – „Glücklich der Mensch, der alles von der richtigen Seite nimmt“, singen sie dann alle im Finalsextett. Dazu zerren die Jungen aneinander und wissen nicht mehr, welche die richtige Seite ist. Zumindest sind sie um die Erkenntnis reicher, dass das sicher geglaubte Glück auch nur Chimäre war. Die Suche kann von Neuem beginnen.

Von der Oper zum Oscar

Michael Hanekes Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ läuft am Teatro Real in Madrid bis 17. März. Schon vor der Premiere eilte Haneke nach L. A. zur Oscar-Gala, die Sonntagnacht stattfand: Sein Film „Amour“ war fünffach nominiert – und wurde Samstag bei den „Independent Spirit Awards“ als bester ausländischer Film ausgezeichnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2013)

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2 Kommentare

Wolfileaks halt.

An der damaligen Zänzur vorbei.

Aha, eine Oper also.

Gab's auch Musik und Gesang? Bei einer so ausgeklügelten Inszenierung braucht es vielleicht garkeinen Mozart mehr.- Überflüssig, denn wer regt sich heute noch groß über einen Seitensprung auf und wer braucht einen 'Intriganten' dazu?



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