Nachruf: Regisseur Jess Franco gestorben

02.04.2013 | 18:30 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Er verkörperte Glanz und Elend von Europas Trashkino wie kein anderer: Der spanische Obsessionsregisseur Jess Franco drehte über 200 Filme, etwa über Nazi-Zombies und Vampirlesben, darunter surreale Meisterwerke. Am Ende ehrte ihn sogar die Cinémathèque française.

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Der Vatikan bezeichnete Jess Franco einmal als „den gefährlichsten Regisseur der Welt“. Das geht dann wohl doch zu weit. Aber der 1930 in Madrid als Jesús Franco Manero geborene Filmemacher war der Inbegriff einer Zeit, als Europas Kino noch gefährlich sein durfte – oder jedenfalls berauschend liederlich und erstaunlich frei gerade in seinen übelsten kommerziellen Niederungen.

Über 200 Filme hat der Spanier gedreht, genau weiß es keiner. Viele kursierten in verschiedenen Schnittfassungen unter dutzenden Titeln, wobei Franco unter mehr als 40 Pseudonymen zeichnete. Er war ein Obsessiver, schamlos in seinen Intentionen. „Es ist Sinn des Filmens, den weiblichen Körper nackt zu zeigen“, war sein Credo, er ging mit den Moden – Spionagekrimis und Softsex, Horror und Hardcorepornos –, um dem erst einmal zweifelhaft wirkenden Ideal zu frönen: Europas einst einträgliches Trashkino machte es möglich. Titel wie „Rote Lippen – Sadisterotica“ (1967), „Vampyros Lesbos – Erbin des Dracula“ (1970), „Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies“ (1971) oder „Die Säge des Todes“ (1980) sprechen für sich.

 

Der Autorenfilmer des Bahnhofskinos

Tatsächlich sind viele Franco-Filme Musterbeispiele für schlechtes Kino – aber selbst die ärgsten Machwerke enthalten Szenen, die alle Exploitation-Erwägungen hinter sich lassen und keine Rücksicht auf Zuschauererwartungen nehmen: In somnabulen Eskapaden verpufft die (ohnehin wacklige) Logik. Franco stieß in Avantgarde-Bereiche vor, huldigte ganz persönlichem Fetischismus, inszenierte Deliriumsgebilde mit glühend blutroten Flecken in nachtschwarzen Labyrinthen, die Grenze zwischen Traum und Albtraum vollends verwischend: Er wurde der Autorenfilmer des Bahnhofskinos.

Wenn die Rechnung ganz aufging, entstanden Meisterwerke, die – in der Masse gut versteckt – anhand der Titel kaum zu identifizieren sind: „Das Geheimnis des Dr.Z“ (1966), „Sie tötete in Ekstase“ (1971) oder „Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne“ (1977). Filme wie „Necronomicon – Geträumte Sünden“ (1966) wurden für ihren offensichtlichen Surrealismus später rehabilitiert (ein Lob von Fritz Lang half). Im populären Gedächtnis blieb Franco jedoch eher für Frauengefängnisfilme mit Gattin Lina Romay oder seine Starvehikel: Christopher Lee als „Dr. Fu Man Chu“ in den späten 1960ern, Edgar-Wallace-Nachzügler wie „Der Todesrächer von Soho“ (1972) mit Horst Tappert, Reißer mit Klaus Kinski wie „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (1970, besser als sein Ruf) und „Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London“ (1976). Als zuletzt die Produktion versiegte, machte er billige Digitalvideos wie „Killer Barbys vs. Dracula“ (2002) mit Bela B. von den Ärzten.

Schließlich ehrte 2008 sogar die Cinémathèque française den „Meister des spanischen Horrorfilms“ mit einer großen Retrospektive, 2009 folgte ein Goya – Spaniens Oscar – für das Lebenswerk. Aber Franco, einst Regieassistent von Orson Welles (1965, beim Shakespeare-Meisterwerk „Falstaff“), kümmerte sich nie um seinen Ruf, sondern drehte weiter, erotoman wie eh und je. Dabei hat ihn ein Schlaganfall niedergestreckt, am Dienstag ist er 83-jährig in Málaga gestorben. Unbeugsam bis zuletzt in einer zusehends gleichgeschalteten Filmkultur: Vielleicht war er doch der gefährlichste Regisseur der Welt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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