Kaufmanns ausdrucksstarke "Winterreise"

07.04.2013 | 18:49 |   (Die Presse)

Noch nicht ganz fit ging der Tenor im Wiener Konzerthaus das Schubert-Wagnis ein.

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Unerbittlich rücken sie aufeinander zu: Immer enger wird der Spielraum für den Protagonisten, dessen Stimme das Klavier in Mittellage verdoppelt, während sich Bass und Oberstimme in bohrenden Halbtonschritten darauf zubewegen. Man muss die Noten dieser „Augenmusik“ nicht vor sich haben, um das existenziell Bedrängende in Schuberts „Wegweiser“ zu begreifen, es teilt sich ja primär akustisch mit.

Aber man erkennt so noch deutlicher, mit welch einfachen Mitteln Schubert hier auf geniale Weise größte Wirkung erzielt. „Der Wegweiser“ ist eines der Schlüsselstücke der „Winterreise“. War vorher Hoffnung zumindest noch eine theoretische Möglichkeit, so bleibt nach dieser Ton gewordenen Beklemmung nur mehr Resignation. Und es ist der Moment bei Jonas Kaufmanns Darstellung des Zyklus am Samstag im Wiener Konzerthaus, an dem er und sein Klavierpartner Helmut Deutsch in einem dem Großen Saal gerade noch zuträglichen Pianissimo zur größten Ausdruckstiefe fanden.

 

Krasse Gegensätze

Kaufmann, gerade von einer Erkältung genesen, tat sich die „Winterreise“ trotzdem an – und es kam tatsächlich so, wie er es in seiner kurzen „Entschuldigung“ angedeutet hatte: Die noch angegriffene, kämpfende Stimme ließ manche Passagen noch eindringlicher wirken, zumal Kaufmann ohnehin einen oft opernhaft dramatischen Zugang wählte und das krasse Konfrontieren von Gegensätzen in den Vordergrund rückte. Thema war weniger „Schöngesang“ als vielmehr ein unbedingter Ausdruckswille, wozu es freilich auch eines künstlerisch mindestens ebenbürtigen Klavierpartners bedarf, wie er in Deutsch zur Verfügung stand.

Bei höher gelegenen Forte-Passagen forcierte Kaufmann allerdings mitunter beträchtlich, manch Piano war dafür ein Wagnis an der Grenze zur Gefährdung. Doch ohne Wagnis ist bei einer „Winterreise“ nichts zu gewinnen, und oft gelang es ja auch: Eben beim „Wegweiser“, dem die Stimmungsschwankungen zelebrierenden „Frühlingstraum“ und beim „Leiermann“, nach dem sich Kaufmann zum Glück trotz heftigen Beifalls nicht zu Zugaben hinreißen ließ. Denn nach dem Fragezeichen, das diese auskomponierte Todessehnsucht setzt, kann nichts mehr kommen. hd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2013)

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3 Kommentare

Schwanengesang

hört sich mehr nach Schwanengesang, denn nach Winterreise an!

Erinnerungen:

an HANS HOTTER etwa - aber auch an Christa Ludwig, die sich an diese Männer-Texte wagte!

prey und patzak

möchte ich noch hinzufügen!

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