Kasper Holten: „Juan ist eine Art Vampir“

16.04.2013 | 18:20 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Im Kino lässt er Don Giovanni durch die Großstadt jagen, am Theater an der Wien inszeniert er den Geschlechterkampf humorvoll: Kasper Holten über „Béatrice et Bénédict“ und seinen Film „Juan“.

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Spätestens wenn Leporello irgendwo in der Großstadt sein zweites F-Wort von sich gibt, weiß jeder, dieses Drehbuch ist nicht von da Ponte. Leporello, kurz Lep, schlurft mit einer Bierdose und einer Minikamera herum. Er zeigt Elvira auch nicht das berühmte Frauen-Register seines Geldgebers, sondern eine Datenbank: Bilder über Bilder, Filme über Filme, alles Material für Juan, den Künstler, für sein „Women's Project“. Und die bei Mozart vergewaltigte Anna ist hier selbst sehr aktiv und lügt auf dem Polizeirevier wie gedruckt.

Wir befinden uns im Film „Juan“ des dänischen Regisseurs Kasper Holten. Bis diese ungewöhnliche Opernverfilmung aber wirklich in Wien zu sehen ist, muss man sich noch ein paar Wochen gedulden. Dafür hat heute, Mittwoch, Holtens Inszenierung einer französischen Rarität im Theater an der Wien Premiere, nämlich der Oper „Béatrice et Bénédict“ von Hector Berlioz. Eine musikalische Komödie frei nach Shakespeares „Viel Lärm um nichts“.

Wenn Kasper Holten über seine Projekte spricht, hüpft die Freude nur so aus ihm heraus. Selten trifft man Künstler mit so steiler Karriere, die so allürenfrei sind wie der sonnige Däne. Seit zwei Jahren leitet der soeben vierzig Gewordene das Royal Opera House, davor war er elf Jahre lang künstlerischer Direktor der Königlichen Dänischen Oper in Kopenhagen, davon sechs als jüngster Operndirektor Europas.

 

„Man spürt Berlioz' Freude in der Musik“

Eine wahnsinnige Freude steckt für ihn auch in Berlioz' Musik. „Die Freude ist die Stärke dieser Oper. Berlioz schreibt, dass ihm die Arbeit so Spaß gemacht hat, dass er gar nicht mit seinen Ideen mithalten konnte, und das merkt man.“ Wenig Freude riskiert allerdings der Zuseher, wenn er sich der Berlioz'schen Shakespeare-Bearbeitung ungekürzt aussetzt, die Dialoge sind lang und schwerfällig, lassen die Oper statisch wirken. Holten hat daher radikal gekürzt. Er empfiehlt, bei Berlioz möglichst nicht an die Vorlage zu denken. „Vergleicht man Berlioz mit Shakespeare, wird man enttäuscht. Ich habe versucht, Berlioz von seiner eigenen Shakespeare-Faszination zu befreien und seine eigenen Qualitäten herauszubringen.“

Als humorvollen Kampf der Geschlechter inszeniert Holten „Béatrice et Bénédict“, es ist eine „romantische Komödie, wie wir sie heute aus dem Kino kennen.“ Ganz anders „Juan“, der wirklich ein Kinofilm ist, in dem aber der Kampf der Geschlechter (beziehungsweise Juans mit sich selbst) fast alle bei Mozart vorhandene Komik verloren hat. Die Wurzeln dieser Produktion reichen lange zurück, in die Zeit, als Holten in Kopenhagen Wagners „Ring“ als moderne dänische Familiensaga inszenierte und damit berühmt wurde. „Leute, die den ,Siegfried‘ gesehen hatten, fragten mich, ob ich nicht einen Film machen wolle, weil meine Inszenierungen in diese Richtung gehen, so stark mit Bildern arbeiten.“

 

Einzigartig: In „Juan“ singen Sänger live

Aus der Idee wurde sein Herzenswerk „Juan“, das die Handlung der Mozart-Oper stark verändert ins Heute verlegt. In alten Opernfilmen sind Sänger eher ein peinigender Anblick, hier sehen sie fast so unverschämt gut aus, als wären sie in Hollywood rekrutiert. Aber nicht nur deswegen ist „Juan“ ein ungewöhnlicher Opernfilm. In ihm tun Sänger etwas, was sie noch nie in einer Opern-Verfilmung gemacht haben: Sie singen live. „Der Musicalfilm ,Les Misérables‘ hat vor kurzem damit Furore gemacht, aber eigentlich waren wir die Ersten“, lacht Holten.

Maria Bengtsson spielt die Anna; den Juan, Christopher Maltman, kennt Holten von einer gemeinsamen „Figaro“-Produktion im Theater an der Wien. Er muss sogar unter der Dusche live singen. „Für mich war klar, dass das die Voraussetzung für mein Projekt ist, ich wollte kein Playback, ich wollte diese Ehrlichkeit, auch wenn der Ton nicht immer perfekt ist.“ Die Musik wurde zunächst von Sänger und Orchester außerhalb des Drehs aufgenommen, die Sänger hörten dann den Orchesterpart mittels Chip im Ohr. „Bei den Rezitativen haben wir ein elektronisches Klavier genommen und das Cembalo nachsynchronisiert.“

Trotzdem, Mozarts Musik hat man schon beeindruckender gehört. Aber man muss Holten wohl wie Berlioz behandeln, Mozart vergessen und das Eigene seines Films würdigen. Den Text hat er mit dem Drehbuchschreiber des schwedischen Vinterberg-Films „Das Fest“, geschrieben. Die Story ist spannend, Anna, Elvira und Zerlina sind vielbödige moderne Frauen, Juan eine faszinierende Künstlerfigur.

„Ich habe mich gefragt, wo es heute eine Art Adel mit vielen Freiheiten gibt, da bin ich auf die Künstler gestoßen. Juan flieht vor sich selbst, deswegen muss er ständig verführen, er ist ein bisschen wie ein Vampir.“

 

„Keine Medaille der Mozartgesellschaft“

Reizvoll wirkt die Verbindung von filmischem Naturalismus und Künstlichkeit der Musik schon, aber nicht unbedingt ideal. Die Musik schafft Distanz zu den Figuren, statt sie einem, wie in der Oper, näherzubringen. „Von der Mozartgesellschaft werde ich dafür keine Goldmedaille bekommen“, schmunzelt Holten. „Aber ich wollte nicht den Don Giovanni verfilmen, sondern etwas ganz Neues machen – based on Mozart.“

Kasper Holten in Wien

Der 1973 geborene Däne ist künstlerischer Direktor der Royal Opera House in London. Er hat am Theater an der Wien zuletzt 2010 die UA von Johannes Kalitzkes „Die Besessenen“ inszeniert. Berlioz' Oper „Béatrice et Bénédict“ hat heute, Mi, Premiere, weitere Termine: 20., 24., 27. u. 29.April. Der Film „Juan“ (2010) ist heuer zum ersten Mal in Wien zu sehen, auf der Nordischen Filmwoche in der Urania (mit engl. Untertiteln): 4.Mai, 19Uhr. [Theater an der Wien]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2013)

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