Wiener Konzerthaus: Schaden durch szenischen Ulk

Patricia Petibons nur punktuell beeindruckender Liederabend. Am stärksten wirkte Petibon dort, wo sie schlicht und lyrisch blieb, auf die Kraft der Musik und die Tragfähigkeit ihres zarten Soprans vertraute.

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Patricia Petibons Archivbild – APA/BARBARA GINDL

Eine sehnsuchtsvolle Flötenmelodie von draußen – und jede Note fliegt auf die Wange wie ein geheimnisvoller Kuss... Maurice Ravels „Flûte enchantée“ aus „Shéhérazade“ ließ auch am Montag im Konzerthaus einen Moment zarter Poesie entstehen: ausnahmsweise. Der Liederabend sei im Aussterben begriffen, klagen Veranstalter, weil es an der nötigen musikalisch-literarischen (Herzens-)Bildung fehle. Da hat es einer Künstlerin wie Patricia Petibon viel Applaus eingetragen, dass sie sich um unkonventionelle Darbietungen in dem Genre bemüht. Doch war diesmal, den jubelnden Fans zum Trotz, noch stärker zu bemerken, wie ein Übermaß an teils kindischen Scherzchen dem Eigentlichen empfindlich im Weg stand: der zarten Intimität, dem ungekünstelten Ausdruck, der kleinen, bedeutungsvoll gesetzten Geste.

Denn am stärksten wirkte Petibon dort, wo sie schlicht und lyrisch blieb, auf die Kraft der Musik und die Tragfähigkeit ihres zarten Soprans vertraute. Beim eingangs erwähnten Ravel etwa, gerade weil sie ihn mit Noten sang, noch mehr bei einem spanischen Lied Henri Collets: Wie sie da mit geringsten Mitteln die Spannung hielt, erschienen ihre Gags erst recht als überflüssige Mätzchen – all die Stofftiere, Schürzen, Nudelsiebe, von ihr und der Pianistin Susan Manoff aufgesetzt, umgebunden, ins Publikum geworfen... unangenehm kalkuliertes Kokettieren, besonders bei Bernsteins „Bonne cuisine“. Zudem schien es, der Aktionismus solle Mängel übertünchen: Mit leicht schrägen, vibratolosen Tönen schlug Petibon zwar kurzerhand einen Bogen von der alten Musik zum Pop, nützte diesen manieristischen Effekt aber bis zum Überdruss – ebenso wie das teils heftige Forcieren. Dazwischen fehlten die Nuancen. Eine Zarzuela-Nummer wie der „Zapateado“ missriet ihr völlig, da nahm man schon lieber das reichlich bemühte Pathos von „Somewhere over the Rainbow“ in Kauf – immerhin fast reglos sitzend vorgetragen. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2013)

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