Packend: Ein neuer Otello in Valencia

14.06.2013 | 18:22 |  WALTER DOBNER (Die Presse)

In Salzburg dirigiert Zubin Mehta heuer Verdis „Falstaff“, zuletzt leitete er eine neue „Otello“-Produktion in Valencia, unterstützt von einem idealen Orchester.

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Am Schluss durchbohren drei Lichtstrahlen den verzweifelt auf dem Boden liegenden Otello. Sein sinnloser, falscher Eifersucht geschuldeter Mord an Desdemona ist gesühnt. Das ist nicht das einzige packende Bild dieser Inszenierung von Davide Livermore, die wohl nicht zufällig Wieland Wagner in Erinnerung ruft. Nicht die schlechteste Idee in diesem Wagner-Jahr. Denn auch in Livermores Bühnenbild dominiert eine – hier schräg in den Bühnenrund platzierte, von einem markanten Ring gekrönte – Scheibe, deren Mittelteil sich verstellen, vor allem wirkungssicher in die Höhe fahren lässt.

Ein idealer Schauplatz für die Massenszenen, aber auch, um die eigentlichen Akteure, Otello, Desdemona und Jago, in Szene zu setzen. Eine ausgeklügelte Lichtregie unterstützt das noch. Etwa, wenn bei Auftritten des fiesen Intriganten Jago die Ränder dieser Scheibe plötzlich in grellem Rot erscheinen.

Dass die Orte des Geschehens nur durch wenige Videoprojektionen anskizziert werden, stört nicht. Denn Livermore geht es in seiner auf klare Personenführung konzentrierten Inszenierung weniger um den historischen Hintergrund als um die schonungslose Offenlegung der diffizilen Beziehungsgeflechte. Dafür hat er entsprechende Bühnenpersönlichkeiten zur Verfügung. Carlos Álvarez, in stimmlicher Hochform, ist ein mit diabolischer Zynik nie geizender Jago, die junge Maria Agresta eine Desdemona mit inniger Kantabilität und subtiler Pianokultur.

 

Mehta wählte ruhigere Tempi

Den Otello gibt Gregory Kunde gesanglich souverän, die vielen Facetten dieser Figur ausbreitend: Er ist die Überraschung dieser Neuproduktion. Die übrigen Partien sind passabel bis durchschnittlich besetzt. So blieb Marcelo Puente dem Cassio nicht nur in der Höhe, sondern auch als eigenständige Persönlichkeit einiges schuldig – und entsprach damit dem schwachen Charakter dieser Figur...

Zubin Mehta, seit Jahrzehnten mit diesem späten Verdi vertraut, setzte vor allem auf dessen poetische Farben. Im Vergleich zu seinen früheren „Otello“-Aufführungen wählte er auch ruhigere Tempi, was der Klarheit der sängerischen Diktion zugute kam. Gewiss, manche Chorstelle hätte man sich klarer artikuliert und sensibler phrasiert vorstellen können. Der Effekt kam dennoch nicht zu kurz. Schon weil bei einem solchen Interpretationsansatz die Ausbrüche meist noch gewaltiger erscheinen. Aber vor allem, weil Mehta einen idealen Mitstreiter hatte: das Orquestra de la Comunitat Valenciana, das zu einem der führenden europäischen Opernorchester geworden ist. Bleiben die finanziellen Bedingungen, wird er in der kommenden Saison seine Zusammenarbeit mit dem Palau des les Arts Reina Sofía in Valencia fortsetzen. Vermutlich mit einer „Walküre“-Wiederaufnahme und einer neuen „Traviata“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2013)

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