Ab Herbst: Live-Stream aus der Staatsoper

Wiens Opernchef freut sich über ein volles Haus - und sorgt dafür, dass luxuriös besetzte Vorstellungen demnächst international via Internet in HD-Qualität abrufbar sind. Eine Pioniertat.

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(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Da ist einmal die Auslastung. Dominique Meyer steht am Ende seiner dritten Spielzeit als Direktor der Wiener Staatsoper vor einem Zahlenmirakel: Sein Haus war in der vergangenen Saison so gut wie vollständig ausgebucht. Die Werte liegen bei sagenhaften 99 Prozent – nur die Opernvorstellungen gerechnet, sogar bei 99,6 Prozent verkaufter Sitzplatzkarten.

Das hebt die Stimmung, versteht sich, und Meyer führt es – neben den künstlerischen Erfolgen – auf das freundliche Betriebsklima zurück, dass Künstler vom Format einer Nina Stemme, eines Piotr Beczala, eines Jonas Kaufmann signalisiert haben, in künftigen Spielzeiten noch mehr als bisher zur Verfügung stehen zu wollen. „Nina Stemme“, sagt der Direktor, „hat uns für die kommenden Jahre drei wichtige Rollendebüts an der Staatsoper versprochen.“

Derlei Zuwendung von Weltstars betrachtet Meyer ebenso als Auftrag wie die Entwicklung des jungen Ensembles, über dessen Fortkommen er zu berichten weiß: „Anita Hartig singt an der Met, an der Scala, in Covent Garden. Adam Plachetka geht zum Glyndebourne Festival, dann ebenfalls an die Scala und an die Met. Valentina Nafornita, sie ist gerade 25, hat eben an der Scala mit großem Erfolg als Gilda debütiert. Mit Tomasz Konieczny haben wir einen Wotan im Residenzvertrag am Haus! Ein Tenor wie Norbert Ernst ist in seinem Fach heute vielleicht konkurrenzlos...“

 

Inszenierungen behutsam erneuern

Dominique Meyer kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, scheint's. Doch bewahrt er offensichtlich kühlen Kopf. „Wir haben durch Koproduktionen Geld gespart und liegen allein im Juni mit den Einnahmen aus dem Kartenverkauf mehr als drei Millionen Euro über Plan“, sagt er und erklärt gleich, wozu die frei werdenden Budgetmittel verwendet werden: „Auch unsere technische Mannschaft arbeitet hervorragend, wir haben Bühnenbilder und Beleuchtung von an die 20 alten Produktionen rundum erneuert.“

Meyer denkt gar nicht daran, erfolgreiche, nach wie vor stimmige Inszenierungen wie „Tosca“, „La Bohème“, den „Rosenkavalier“ oder den „Barbier von Sevilla“ auszutauschen. „Aber sie müssen frisch aussehen, und das tun sie jetzt“, sagt er. Konsequent will er auch über die Jahre hin neue, junge Solisten präsentieren, von deren Qualität er überzeugt ist – und freut sich, wenn das Publikum neue Namen akzeptiert: „Nach der ersten Vorstellung von Gounods ,Romeo et Juliette‘ unter Domingos Leitung mit Piotr Beczala kamen 150 Menschen zum Bühnentürl, um sich von der Debütantin, Sonya Yoncheva, Autogramme zu holen.“

Nachsatz: „Es waren sehr viele junge Besucher dabei.“ Neues Publikum zu gewinnen – und die Vorstellungen der Staatsoper einem breiteren Kreis zugänglich zu machen, dazu soll auch eine Innovation dienen, die Anfang der kommenden Spielzeit für Aufsehen sorgen wird. „Wir machen etwas absolut Neues“, sagt Meyer, „ab Herbst bieten wir in Zusammenarbeit mit Samsung, wo man ein sensationelles HD-Verfahren entwickelt hat, Live-Aufführungen via Internet. Christopher Widauer arbeitet seit Monaten an der Perfektionierung dieses Streaming-Projekts, alle Abteilungen des Hauses sind da involviert. Wir sind so weit, dass das mit Beginn der neuen Saison funktionieren wird.“

Das hat sehr viel mit den Konsumgewohnheiten der jüngsten Generation zu tun: „Wir“, sagt Meyer, „haben uns noch über eine neue CD oder DVD gefreut, die Jungen aber kaufen Rechte...“

Das Staatsopern-Streaming soll die klassischen Vermarktungsstrategien ergänzen, die man natürlich nicht aufgibt. Eben erst konnte, wie berichtet, die ORF-Kooperation erneuert werden, die für traditionelle TV-Übertragungen garantiert. Diese werden mit der neuen „Fanciulla del West“ (mit Stemme und Kaufmann) Anfang Oktober – und später u.a. mit einer Übertragung von Tschaikowskys „Schwanensee“ – fortgesetzt.

 

Den Anfang macht der „Rosenkavalier“

Wenige Tage nach der Puccini-Premiere steht dann aber der erste Live-Stream bereit, und zwar in aller Welt, „gestaffelt nach der Uhrzeit auf dem jeweiligen Kontinent, sodass man die Vorstellungen auch in den USA oder in Japan zur besten Zeit abrufen kann“. Das Jus primae Noctis gilt Richard Strauss' „Rosenkavalier“ mit Renée Fleming, Peter Rose, Sophie Koch und Mojca Erdmann. Europäische Opernfreunde werden wirklich live dabei sein können. „Man kann“, erläutert der Direktor, „entweder eine einzelne Vorstellung kaufen oder ein Abonnement für eine Saison.“ Details werden im Herbst bekannt gegeben. Für Spitzenqualität ist gesorgt: „Die Bilder kommen in höchster Auflösung“, sagt Meyer, „zwei Möglichkeiten stehen zur Wahl, eine totale Sicht auf die Bühne und eine weitere, die von der Regie geschnitten wird.“

Das wird dann etwa so funktionieren wie die Live-Übertragungen auf den Karajan-Platz. „Nur wünsche ich mir eine ruhigere Kameraführung“, sagt Meyer, der bei all diesen Projekten auch an die Bewahrung von künstlerischen Leistungen denkt: „Jahr für Jahr kann man mustergültige Aufführungen aufzeichnen – und dann den Interessenten zur Verfügung stellen.“ Auch das Archiv an Ton- und Bildaufnahmen soll schrittweise digitalisiert und online bereitgestellt werden.

Die Staatsoper multipliziert sich also demnächst, um das offenbar enorm gestiegene Interesse auch international zu befriedigen. Wie man mehr als eine Vorstellung pro Tag anbieten kann, hat man bereits 2012 geübt, als während des Japan-Gastspiels auch im Stammhaus am Ring täglich gespielt wurde: „Genau berechnet hatten wir im Oktober – inklusive Konzerten – 47 Vorstellungen in Wien und Fernost. Und das, obwohl wir mit 350 Personen in Japan waren...“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2013)

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