Ab Herbst: Live-Stream aus der Staatsoper

27.06.2013 | 18:49 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Wiens Opernchef freut sich über ein volles Haus - und sorgt dafür, dass luxuriös besetzte Vorstellungen demnächst international via Internet in HD-Qualität abrufbar sind. Eine Pioniertat.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Da ist einmal die Auslastung. Dominique Meyer steht am Ende seiner dritten Spielzeit als Direktor der Wiener Staatsoper vor einem Zahlenmirakel: Sein Haus war in der vergangenen Saison so gut wie vollständig ausgebucht. Die Werte liegen bei sagenhaften 99 Prozent – nur die Opernvorstellungen gerechnet, sogar bei 99,6 Prozent verkaufter Sitzplatzkarten.

Das hebt die Stimmung, versteht sich, und Meyer führt es – neben den künstlerischen Erfolgen – auf das freundliche Betriebsklima zurück, dass Künstler vom Format einer Nina Stemme, eines Piotr Beczala, eines Jonas Kaufmann signalisiert haben, in künftigen Spielzeiten noch mehr als bisher zur Verfügung stehen zu wollen. „Nina Stemme“, sagt der Direktor, „hat uns für die kommenden Jahre drei wichtige Rollendebüts an der Staatsoper versprochen.“

Derlei Zuwendung von Weltstars betrachtet Meyer ebenso als Auftrag wie die Entwicklung des jungen Ensembles, über dessen Fortkommen er zu berichten weiß: „Anita Hartig singt an der Met, an der Scala, in Covent Garden. Adam Plachetka geht zum Glyndebourne Festival, dann ebenfalls an die Scala und an die Met. Valentina Nafornita, sie ist gerade 25, hat eben an der Scala mit großem Erfolg als Gilda debütiert. Mit Tomasz Konieczny haben wir einen Wotan im Residenzvertrag am Haus! Ein Tenor wie Norbert Ernst ist in seinem Fach heute vielleicht konkurrenzlos...“

 

Inszenierungen behutsam erneuern

Dominique Meyer kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, scheint's. Doch bewahrt er offensichtlich kühlen Kopf. „Wir haben durch Koproduktionen Geld gespart und liegen allein im Juni mit den Einnahmen aus dem Kartenverkauf mehr als drei Millionen Euro über Plan“, sagt er und erklärt gleich, wozu die frei werdenden Budgetmittel verwendet werden: „Auch unsere technische Mannschaft arbeitet hervorragend, wir haben Bühnenbilder und Beleuchtung von an die 20 alten Produktionen rundum erneuert.“

Meyer denkt gar nicht daran, erfolgreiche, nach wie vor stimmige Inszenierungen wie „Tosca“, „La Bohème“, den „Rosenkavalier“ oder den „Barbier von Sevilla“ auszutauschen. „Aber sie müssen frisch aussehen, und das tun sie jetzt“, sagt er. Konsequent will er auch über die Jahre hin neue, junge Solisten präsentieren, von deren Qualität er überzeugt ist – und freut sich, wenn das Publikum neue Namen akzeptiert: „Nach der ersten Vorstellung von Gounods ,Romeo et Juliette‘ unter Domingos Leitung mit Piotr Beczala kamen 150 Menschen zum Bühnentürl, um sich von der Debütantin, Sonya Yoncheva, Autogramme zu holen.“

Nachsatz: „Es waren sehr viele junge Besucher dabei.“ Neues Publikum zu gewinnen – und die Vorstellungen der Staatsoper einem breiteren Kreis zugänglich zu machen, dazu soll auch eine Innovation dienen, die Anfang der kommenden Spielzeit für Aufsehen sorgen wird. „Wir machen etwas absolut Neues“, sagt Meyer, „ab Herbst bieten wir in Zusammenarbeit mit Samsung, wo man ein sensationelles HD-Verfahren entwickelt hat, Live-Aufführungen via Internet. Christopher Widauer arbeitet seit Monaten an der Perfektionierung dieses Streaming-Projekts, alle Abteilungen des Hauses sind da involviert. Wir sind so weit, dass das mit Beginn der neuen Saison funktionieren wird.“

Das hat sehr viel mit den Konsumgewohnheiten der jüngsten Generation zu tun: „Wir“, sagt Meyer, „haben uns noch über eine neue CD oder DVD gefreut, die Jungen aber kaufen Rechte...“

Das Staatsopern-Streaming soll die klassischen Vermarktungsstrategien ergänzen, die man natürlich nicht aufgibt. Eben erst konnte, wie berichtet, die ORF-Kooperation erneuert werden, die für traditionelle TV-Übertragungen garantiert. Diese werden mit der neuen „Fanciulla del West“ (mit Stemme und Kaufmann) Anfang Oktober – und später u.a. mit einer Übertragung von Tschaikowskys „Schwanensee“ – fortgesetzt.

 

Den Anfang macht der „Rosenkavalier“

Wenige Tage nach der Puccini-Premiere steht dann aber der erste Live-Stream bereit, und zwar in aller Welt, „gestaffelt nach der Uhrzeit auf dem jeweiligen Kontinent, sodass man die Vorstellungen auch in den USA oder in Japan zur besten Zeit abrufen kann“. Das Jus primae Noctis gilt Richard Strauss' „Rosenkavalier“ mit Renée Fleming, Peter Rose, Sophie Koch und Mojca Erdmann. Europäische Opernfreunde werden wirklich live dabei sein können. „Man kann“, erläutert der Direktor, „entweder eine einzelne Vorstellung kaufen oder ein Abonnement für eine Saison.“ Details werden im Herbst bekannt gegeben. Für Spitzenqualität ist gesorgt: „Die Bilder kommen in höchster Auflösung“, sagt Meyer, „zwei Möglichkeiten stehen zur Wahl, eine totale Sicht auf die Bühne und eine weitere, die von der Regie geschnitten wird.“

Das wird dann etwa so funktionieren wie die Live-Übertragungen auf den Karajan-Platz. „Nur wünsche ich mir eine ruhigere Kameraführung“, sagt Meyer, der bei all diesen Projekten auch an die Bewahrung von künstlerischen Leistungen denkt: „Jahr für Jahr kann man mustergültige Aufführungen aufzeichnen – und dann den Interessenten zur Verfügung stellen.“ Auch das Archiv an Ton- und Bildaufnahmen soll schrittweise digitalisiert und online bereitgestellt werden.

Die Staatsoper multipliziert sich also demnächst, um das offenbar enorm gestiegene Interesse auch international zu befriedigen. Wie man mehr als eine Vorstellung pro Tag anbieten kann, hat man bereits 2012 geübt, als während des Japan-Gastspiels auch im Stammhaus am Ring täglich gespielt wurde: „Genau berechnet hatten wir im Oktober – inklusive Konzerten – 47 Vorstellungen in Wien und Fernost. Und das, obwohl wir mit 350 Personen in Japan waren...“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

13 Kommentare

Tolle Idee.

Ich finde die Idee ganz toll, allerdings wäre es sehr erstrebenswert, daß die Staatsoper unter der Ägide von Meyer auch ein "streamfähiges" Niveau erreicht, denn so, wie die meisten Vorstellungen zur Zeit sind, wäre das eher eine weltweite Blamage. Wobei ich einräume, daß die heurige Saison schon deutlich besser war als die vergangene - aber so (obendrein gehypte!) Katastrophen-Aufführungen wie zuletzt Wozzeck oder Capriccio sollten dann nicht mehr passieren.

3 5

DIE ÜBERTRAGUNGEN IM INTERNET SIND ERFREULICH UND POSITIV, JEDOCH DIE NEUINSZENIERUNGEN GEWISSER HERREN, DIE GLAUBEN DIE OPER NEU ERFINDEN ZU MÜSSEN UND DAMIT DAS WERK ABSOLUT NEGATIV BEEINFLUSSEN, SIND LEIDER WIRKLICH ENTBEHRLICH , JA DEM GANZEN ABSOLUT SCHÄDIGENT!

Die Übertragungen im Internet sind besonders für das jüngere und auch nicht sehr bemittelte interessierte Publikum sehr wertvoll und begrüßenswert und sind nebenbei auch noch eine wirklich gute Werbung für Wien und seine Staatsoper, auch wird dadurch sicher für viele Menschen der Grundstein für das Interesse an der Klassik gelegt und so der Zugang zu guter Musik sehr positiv gefördert.
Besonders begrüßenswert wäre es aber, bei den Inszenierungen wieder die Zeit des Geschehens zu berücksichtigen und nicht von sich selbst darstellenden Schauspielregieseuren, die glauben daß sie die Oper neu erfinden müssen, das Werk negativ verändern und beeinflussen zu lassen ! Das negative Beispiel war hier "La Cenerentula", musikalisch - Orchester und SängerInnen - wirklich hervorragend, der Regie und Inszenierung des künftigen Cochefs der Salzburger Festspiele furchtbar, ja entsetzlich kitschig, Direktor D. Meyer können wir nur ersuchen, uns von der Gegenwart dieses Herren an der Staatsoper zu befreien ! Daher lieber Gott, lasse uns bitte den einmaligen Otti Schenk noch lange leben, um uns schöne Opern zu inszenieren !

Ius primae noctis

Wo war das Lektorat?! Sätze wie diesen "Das Jus primae Noctis gilt Richard Strauss' „Rosenkavalier." hätte ich Wilhelm Sinkovicz eigentlich nicht zugetraut. Was soll das bedeuten? Daß der "Rosenkavalier" die Jungfrau ist, die von einem Grundherren defloriert wird - aber wer soll in dieser Formulierung den Grundherren darstellen, das Publikum etwa? Oder bedeutet der Satz, daß das Publikum als die Jungfrau, der Rosenkavalier aber als der Grundherr anzusehen sei? Leider traue ich mich wegen der Zensur nicht, hier einen etwas treffenderen Ausdruck zu verwenden.
Abgesehen davon ist das Ius primae noctis eine Erfindung der Französischen Revolution, es hat in der Praxis nie existiert, es gibt keinen einzigen schriftlichen Beleg, daß es je ausgeübt worden wäre. Es wäre schön langsam Zeit, daß diese dumme Phrase aus den "Diskursen" verschwindet, zumal aus Berichten, die eindeutig NICHT von der Hochzeit des Figaro handeln.

Dazu Alain Boureau, "Das Recht der Ersten Nacht. Zur Geschichte einer Fiktion." München: Winkler 2000.

"Die Werte liegen bei sagenhaften 99 Prozent – nur die Opernvorstellungen gerechnet, sogar bei 99,6 Prozent verkaufter Sitzplatzkarten"... Ja weil die rumänischen WUCHERER sich gleich alle Tickets online bestellen-kaufen und dann vor der Oper zu Wucherpreise anbieten!!! Es ist wie ein Virus mittlerweile das ganze und nachdem es nicht illegal ist, der Herr Direktor kann sich auf ein "ausverkauftes" Haus mit oft leeren Sitzen freuen!!! Yuhuuu!!!

Mir wäre wichtiger er macht so etwas wie bei anderen Opernhäusern (zB. Met) wo man online ein kurzes Video über das Werk findet! In 3 Minuten werden die Highlights der (heutigen) Oper plus das Libretto kurz und bündig vorgestellt/erklärt. Wer die Zeit hat, der kann dann sich später etwas einlesen, oder das Werk auswendig studieren, oder 30 Aufnahmen vergleiche, und auch den HNO vorher besuchen, damit man JEDEN Ton ungehindert hört! Viele haben aber leider nicht mehr die Zeit für so etwas, und wünschen sich kurz und bündig das ABC der jeweiligen Opern, um zu wissen OB man hingehen will oder nicht!
Dass man dann keine Karte mehr bekommt und den Wucherern ausgeliefert ist oder zum Stehplatz verdammt ist, das ist natürlich die Kehrseite der ganzen Sache!
(Für die "eh ois" wissenden hier in diesem Forum: Man kann oft IM VORAUS schwer etwas entscheiden, wenn man nicht weiss erstens worum es überhaupt geht und zweitens OB man UM AM überhaupt in Wien ist und/oder die Zeit dafür hat hinzugehen! ;)

Viele haben aber leider nicht mehr die Zeit für so etwas, und wünschen sich kurz und bündig das ABC der jeweiligen Opern, um zu wissen OB man hingehen will oder nicht!


das funktioniert nur mehr wenn sie ins kino gehen wollen da gibt es auch popcorn dazu!

und ich frequentiere seit 1960 auch den stehplatz und habe es bis zum 18.6.2013 Tristan nicht bereut.

eine einmalig gute einrichtung!
versuchen sie es mal.

Re: Viele haben aber leider nicht mehr die Zeit für so etwas, und wünschen sich kurz und bündig das ABC der jeweiligen Opern, um zu wissen OB man hingehen will oder nicht!

ja in der oper gibt es einen billigen sekt und viel viel schaum... tss
ich frequentiere auch den stehplatz und bereue es auch nicht, doch einen sitzplatz wäre manchmal wünschenswert, vor allem wenn man den ganzen tag gestanden ist oder unterwegs war! 1960... 2013... also sie sind ein alter nörgler der "eh ois" besser weiss oder? ;-)
bleiben sie gesund und schonen sie beine und ihre venen, in ihrem alter ist das kein spass mehr!

Re: "Die Werte liegen bei sagenhaften 99 Prozent – nur die Opernvorstellungen gerechnet, sogar bei 99,6 Prozent verkaufter Sitzplatzkarten"... Ja weil die rumänischen WUCHERER sich gleich alle Tickets online bestellen-kaufen und dann vor der Oper zu Wucherpreise anbieten!!! Es ist wie ein Virus mittlerweile das ganze und nachdem es nicht illegal ist, der Herr Direktor kann sich auf ein "ausverkauftes" Haus mit oft leeren Sitzen freuen!!! Yuhuuu!!!

Also, ich wurde noch nie "zum Stehplatz verdammt", ich betrachte ihn als eines der schönsten Geschenke der Staatsoper an ihre Fans. Dadurch hab ich mir die 3 Minuten Highlight-Stückwerke erspart und habe durch das Erleben ganzer Opern vom akustisch und sichttechnisch besten Platz im Parterre herausgefunden, was mir gefällt. Opernhighlights finden Sie in ausladender Menge auf Youtube, die Wiener Stehplatztradition gibt's aber nur einmalig...

Re: Re: "Die Werte liegen bei sagenhaften 99 Prozent – nur die Opernvorstellungen gerechnet, sogar bei 99,6 Prozent verkaufter Sitzplatzkarten"... Ja weil die rumänischen WUCHERER sich gleich alle Tickets online bestellen-kaufen und dann vor der Oper zu Wucherpreise anbieten!!! Es ist wie ein Virus mittlerweile das ganze und nachdem es nicht illegal ist, der Herr Direktor kann sich auf ein "ausverkauftes" Haus mit oft leeren Sitzen freuen!!! Yuhuuu!!!

ja den stehplatz im parterre kenne ich auch, schön eng, heiss, stinkts ab und zu fürchterlich, und der ideale platz für menschen die körpernähe mögen und die sonst eh keiner berühren würde!! (vor allem sind es immer "singles" dort zu sehen!)

ist ludwig II aus bayern hier eingezogen?

versuchen sie galerie oder balkon

Bester Giuseppe, BITTE

ignorieren Sie diesen Troll, der hat sich wohl irrtümlich ins Kultur-Forum begeben, seine bisherigen Ergüsse beweisen es detailreich...

Re: ist ludwig II aus bayern hier eingezogen?

ja dort hast du die ganzen reisegruppen die punkt 20 minuten nach beginn alle rausmarschieren weil der reiseleiter jetzt weitermachen will, dann die pensionisten (opfer des tollen pensionssystems die sich keine normale karte leisten könnten weil sonst essen sie heute nicht!) die sich über alle(s) künstlich aufregen, und natürlich die studenten die alles besser wissen wollen! ;)

vielleicht solltest du versuchen deine klappe zu halten und aufhören dinge zu unterstellen oder zu behaupten, weil WOHER willst gerade DU wissen, dass ich niemals dort war? Sinnerfassend lesen wäre zu viel verlangen, das habe ich schon bei deinem ersten posting verstanden!

Gute Idee!

Einer Kulturnation mit einem der führenden Opernhäuser würdig!

2 0

Klingt vernünftig.


Sinkothek

Meinung

Jetzt Kultur-Newsletter abonnieren

Die Meldungen des Tages aus den Bereichen Kunst und Kultur. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden