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Bayreuther Festspiele: Endzeit bei Castorfs "Siegfried"

Bayreuther Festspiele Endzeit Castorfs
Lance Ryan als Siegfried in Bayreuth / Bild: (c) EPA (ENRICO�NAWRATH / BAYREUTH�FESTIV) 

Rotweinexzess vorm Bahnhofscafé: Die Regie löst sich völlig von Richard Wagners Operntext. Ring-Dirigent Kirill Petrenko aber wird zum Star der Saison.

 (Die Presse)

Zuletzt kommt auf dem Berliner Alexanderplatz ein Krokodil gekrochen und wird von Siegfried mit Brotstückchen gefüttert: Frank Castorfs Bayreuther „Ring“-Unternehmung erreichte mit dem „Siegfried“ die vollständige komödiantische Loslösung von Richard Wagners Text und einem irgendwie mit selbigem zu assoziierenden Sinngehalt.

Schon die musikalisch so gewaltige Einleitungsszene dieses letzten Aufzugs verriet, dass der Regisseur wenig Lust verspürt, sich wenigsten einmal im Verlauf der Tetralogie auch auf die metaphysischen Komponenten des Werkes einzulassen. Wotan und Erda, zwei Götter im Angesicht ihres Untergangs? Das Endzeitszenarium ist diesmal doch eher weltlichen Charakters: Man trinkt auf dem deprimierend hässlichen Bahnhofsvorplatz Unmengen von Rotwein, isst Spaghetti, verhandelt offenbar auch über sexuelle Vorlieben – bleibt aber zuletzt die Zeche schuldig.

Das Publikum bleibt angesichts der (freilich exzellent gestellten) Bilder in den gewaltigen Dekorationen Aleksandar Denićs so allein gelassen mit Wagners Gedanken wie in den handwerklich weniger gelungenen Bayreuther Inszenierungen davor. Wieder muss man sich an die Musik halten – bekommt von dieser allerdings jedes erdenkliche Diskussionsmaterial geliefert. Der Star der Jubiläumssaison heißt Kirill Petrenko, so viel steht nach der dritten Premiere fest. Was Castorf verweigert, liefert der Dirigent mit Hingabe: Versenkung in den Wagner'schen Notentext, dessen möglichst punktgenaue Realisierung – und eine aus der Detailarbeit wachsende, stringente Klangerzählung von beeindruckendem emotionalen Reichtum.

In Tönen werden die extremsten Gefühls- und Stimmungsgegensätze zum Ereignis: Den modernsten Passagen der Partitur, den in atemberaubendem Tempo geschnittenen Grimassen im Dialog der eifernden Nibelungen Alberich und Mime im Mittelakt, fügen Martin Winkler und Burkhard Ulrich noch prägnante vokale Gesten hinzu. Dem salbungsvollen ersten Auftritt des Wanderers in Mimes Gewölbe verleiht Wolfgang Koch edelsten, von leuchtender baritonaler Höhe gekrönten Stimmglanz.

In der Verwandlungsmusik zum letzten Bild entfachte das Orchester dann ein Feuerwerk – dem Siegfried und Brünnhilde wenig entgegenzusetzen hatten: Catherine Foster und Lance Ryan kommen durch ihre Partien, sie mit leuchtenden Höhen, er mit Durchhaltevermögen. Dass sich die Stimme Siegfrieds qualitativ nicht wirklich vom Charaktertenor Mimes unterscheidet, lässt im ersten Akt oft Zweifel aufkommen, wer gerade singt: Ulrichs grandios karikierender Nibelung ist dabei wirklich ganz Herr seiner Rolle, ein exzellenter Singschauspieler, was man weder vom dünnstimmigen und nicht immer richtig intonierenden Waldvogel Mirella Hagens behaupten kann noch von der wenig sonoren Erda Nadine Weissmanns. Sorin Colibans Fafner hingegen stirbt nach imposanten Stentortönen in einer Gewehrsalve.

 

Scheitern der sozialistischen Idee?

All das beäugen Marx, Lenin, Stalin und Mao – Castorf denkt beim „Ring“ ja an das Scheitern der sozialistischen Idee. Immerhin hat das mehr mit Wagner zu tun als die sattsam bekannte (Anti-)Nazi-Rhetorik von Castorfs Kollegenschaft. Die „Götterdämmerung“ entstand einst als durchaus revolutionäres, jedenfalls nicht als „rechtes“ Gedankengebäude; Wagner hat an dem Text aus dem Revolutionsjahr 1849 ein Vierteljahrhundert später noch eisern festgehalten. Die Revolution aber frisst bekanntlich ihre Kinder; im Bayreuther „Siegfried“ frisst schon das Krokodil die Brotkrumen. Was da für die „Götterdämmerung“ noch zu erzählen bleibt?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2013)

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