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Lorenzo da Ponte: Mozarts psychologischer Opernzwilling

Lorenzo Ponte Mozarts psychologischer
Lorenzo Ponte Mozarts psychologischer / Bild: (c) www.BilderBox.com (BilderBox.com) 

Am 17. August gilt es, des 175. Todestages von Lorenzo da Ponte zu gedenken. Ohne diesen Mann wäre das moderne Musiktheater garantiert um vieles zu spät gekommen.

 (Die Presse)

Lorenzo da Ponte, so hieß der Bischof von Ceneda. Ceneda war die Heimatgemeinde des Dichters gleichen Namens, der als Librettist dreier Mozart-Opern in die Geschichte einging, und der eigentlich Emmanuele Conegliano hieß. Die Coneglianos aber waren Juden – und weil der Herr Papa, ein Lederhändler, nach dem Tod von Emmanueles Mutter eine Christin ehelichen wollte, wurde kollektiv getauft. Emmanuele durfte den Namen des Bischofs tragen, der ihm sehr zugetan war.

Der Bub, höchst intelligent, war nämlich ganz offenkundig daran interessiert, von seiner Intelligenz auch Gebrauch zu machen. Er las für sein Leben gern. Und weil Bücher teuer waren, entwendete er kurzerhand ein paar Kalbsfelle aus dem Kontor seines Vaters, um sie gegen Literatur einzutauschen. Das ging auf keine Kuhhaut, fand der Papa. Der Bischof sah das anders, beglich die Rechnung und sorgte dafür, dass der junge Mann ans Priesterseminar kam.

Dort avancierte Emmanuele alias Lorenzo bereits nach ein paar Monaten zum Lehrer, wenig später durfte er sich schon Professor nennen. „Professor für Rhetorik“ – die Sprache beherrschte er jedenfalls. Sie war sein echtes Lebenselixier. Oder besser: eines seiner Lebenselixiere. Ein weiteres war seine Leidenschaft für junge Damen, was sich mit dem angestrebten Priesterberuf nicht gut vertrug.

Gelebtes Welttheater in Venedig. Da Ponte ging nach Venedig und verliebte sich in die Gattin eines Patriziers, die von höherer Lebenslust erfüllt war als ihr weitaus älterer Gemahl ertragen konnte. Er verstieß die Mutter seiner Kinder und trat in den Priesterstand ein. Das war die Chance für den eben dieser Karriere entkommenen jungen Poeten, für dessen künstlerischen Werdegang sich der Aufenthalt in der Lagunenstadt als fruchtbringend erwies. Es war das Venedig Gozzis und Goldonis. Zwischen den stilistischen Polen, die diese beiden Ikonen markiert hatten – modern und ins Psychologische tendierend der eine, dem klassischen Commedia-dell'arte-Prinzip verpflichtet, doch ungemein verfeinert der andere –, begann sich der junge Mann häuslich einzurichten.

Die venezianische Realität anno 1773 war weniger ersprießlich. „Schluss mit Weibern, Schluss mit dem Kartenspiel, Schluss mit Venedig“, notiert er, nachdem ihn Schulden und eine Anklage wegen Ehebruchs und Konkubinats vertrieben hatten. Görz und Dresden waren die ersten Stationen seines Exils. Erst in Wien wurde Lorenzo da Ponte sesshaft.

Als Librettist für das italienische Theater in der kaiserlichen Metropole verfasste er an die 40 Textbücher – komponiert von den Großmeistern jener Ära, Salieri und Gazzaniga, Martin y Soler und Righini. Und Mozart, nicht zu vergessen, der endlich jenen lang ersehnten Partner gefunden hatte, der seiner psychologisierenden Theaterrevolution die Sprache verlieh.

Menschheitskomödie. Welch subtile Menschheitskomödie hat dieser Mann aus dem bissig-brillanten politischen Agitationsstück „La folle journée“ von Beaumarchais gemacht? Welches Seelenkaleidoskop von Begierde und Abhängigkeit aus dem klassischen „Don Juan“-Stoff, welch modernes Beziehungsdrama aus einem simplen Verwechslungsspiel – „Così fan tutte“ hat die Welt erst zu würdigen gewusst, nachdem Richard Strauss darauf bestand, das Werk endlich im Original aufzuführen.

Was hat man 150 Jahre lang nicht alles versucht, um Mozarts Musik vor dem angeblich frivolen Stoff zu „retten“. Neue Texte, etwa nach Shakespeares „Verlorener Liebesmüh“ oder Calderons „Dame Kobold“, hat man den Singstimmen unterlegt. Es bedurfte des Operngenies Strauss, die Wahrheit ans Licht zu bringen: Mozart und Shakespeare, Mozart und Calderon, das hätte vielleicht wunderbar gewirkt, wenn der Komponist seine Musik tatsächlich auf die Texte der großen Dramatiker geschrieben hätte. Doch „Così fan tutte“ ist nur ein grandioses, bewegendes, wahrhaftiges Kunstwerk, wenn die Musik zu den entsprechenden Texten da Pontes erklingt.

Auch weil, wie Riccardo Muti einmal angemerkt hat, der Dichter mit seiner Muttersprache (und deren neapolitanischem Dialekt) auf souveräne Weise zu spielen wusste. Das Meisterwerk erblickte im Frühjahr 1790 das Licht der Burgtheater-Welt. Wenige Wochen später starb Kaiser Joseph und die Hoftrauer verbat jegliche Komödiantik. Es war zu Ende mit der Künstlerbeziehung. Mozart starb 1791. Im selben Jahr verließ auch da Ponte die Stadt. Eine von vielen Intrigen war erfolgreich genug, den Dichter wieder einmal in die Flucht zu schlagen.

Er übersiedelte nach London, frisch und glücklich vermählt, aber ohne Aussicht auf einen Posten. Den erhielt er, hie und da darf man von Ränkespielen ja auch profitieren, nach dem Hinauswurf des Theaterdichters Badini. Einem Brief an seinen Freund Giacomo Casanova entnehmen wir, dass da Ponte eine Gage bezog, die ein Fünftel des Primadonnen-Gehalts betrug. Er war höchst zufrieden damit!

Der Verwirrungen in seinem Leben war da noch lange kein Ende. In London entstanden aber die letzten Libretti – für den Komponisten der „Zauberflöten“-Fortsetzung, Peter von Winter! Nebenher baut der Poet die größte italienischsprachige Bibliothek der englischen Hauptstadt auf, wird Buchhändler und Verleger – und macht Bankrott. Die Familie schickte er voraus, ehe er selbst über den Ozean flüchtete: 86 Tage auf einem Frachter, in dessen Kajüte er sich auf dem Boden aus Kleidern ein Bett zurechtmachen musste.

In den Vereinigten Staaten war 1805 mit Büchern erst recht kein Geld zu verdienen. Da Ponte wurde zum Lebensmittelhändler, später zum Branntweiner, Apotheker, Verkäufer von Putzmitteln – und in keinem Metier war er erfolgreich. „Professioneller Bankrotteur“ hätte in seinem Pass stehen können, ätzen Kommentatoren.

Aber man lauschte dem Europäer, wenn er von Kaisern und Königen berichtete, er hätte auch von Mozart erzählen können – doch das war für die Zeitgenossen weniger interessant als das, was dieser Chronist vom alten Europa zu berichten wusste, das „daheim“ gerade mit Stumpf und Stiel ausgerottet, in Amerika freilich schon neugierig als kulturhistorisches Phänomen bestaunt wurde . . .

Sechs Bände füllen Lorenzo da Pontes Memoiren – in Italien hat man sie lange nicht publiziert, weil man im Risorgimento nichts von der zwar intellektuell hochstehenden, doch als dekadent verrufenen Rokokowelt wissen wollte, die der Autor zauberisch verklärt wieder aufleben lässt.

Nebst Geschichte konnten die Amerikaner von dem alten Mann Italienisch lernen, eine Sprache, die dort drüben im anbrechenden 19. Jahrhundert so gut wie unbekannt war – was man angesichts der Italo-Community im Pizzareich Manhattan heutzutage kaum glauben möchte.

50 Jahre vor der „Met“. Die italophone Landnahme gelang übrigens auch via Musiktheater. Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, in New York eine italienische Oper aufzuführen. Doch als Manuel Garcia, der weltberühmte Belcantist – und Verfasser eines bis heute gepriesenen Gesangslehrbuchs – mit seiner Compagnie nach Amerika kam, gelang es da Ponte, den Gast nach viel bestaunten Darbietungen, etwa von Rossinis „Barbier von Sevilla“, zu einer Aufführung des „Don Giovanni“ zu bewegen; es war Mozarts Premiere in den Staaten, 1826, dreieinhalb Jahrzehnte nach des Komponisten Tod. Der Librettist stand wieder Pate.

Er betrieb auch den Bau des ersten amerikanischen Theaters für italienische Oper, downtown, Ecke Church Street, Leonard Street – ein halbes Jahrhundert vor der Errichtung der „alten“ Metropolitan Opera! Die Einweihung gestaltete man 1832 mit Rossinis „Diebischer Elster“. Als eine solche sollte sich das Haus auch erweisen. Es brannte 1836 ab – da war da Ponte mit der Opernunternehmung längst bankrott gegangen. Wieder einmal. Das letzte Mal. Heimweh überschattete die letzten Lebensjahre. Der Plan, nach Italien zurückzukehren, sollte sich nicht realisieren lassen.

Da Ponte starb am 17. August 1839 an Altersschwäche. Mit Mozart teilt er das Schicksal, dass die Zeitgenossen, als sie ihm endlich ein Denkmal zu setzen gedachten, nicht mehr wussten, wo genau er begraben lag. Vielleicht verdanken die beiden das der theatralischen „Friedhofsschändung“, die sie im zweiten Akt ihres „Dissoluto punito“, des „bestraften Bösewichts“ alias Don Giovanni begangen hatten, eine Großtat für das moderne Theater auch das: die Überführung der barock-sinnentleerten „Ombra“-Szene ins Reich der Bühnenpsychologie. Die hätte sich nicht rechtzeitig entpuppt ohne Mozart – und ohne da Ponte!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2013)

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6 Kommentare
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Mir geht was ab!

Bin ich blind geworden, oder habe ich wirklich einen ganzen sin(n)vollen Artikel des Herren S. gelesen, wo der Name Thielemann NICHT zu finden war? Mozart starb 1791. Ach wirklich? Am 27. Januar 1791, um ganz genau zu sein. Und für das und Ähnliches, was man leicht in Wikipedia finden kann, wird ein promovierter Journalist bezahlt? Hoffentlich ist das Elend nicht ansteckend!

Ein promovierter Journalist

fasst auf Plauderniveau die schlechte Da-Ponte-Literatur in ein Artikerl zusammen. So definiert sich das Elend der Wiener Kulturpublizistik.

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Re: Ein promovierter Journalist

Ich empfand den Artikel als eine angenehme Sonntagvormittagsliteratur.

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Re: Ein promovierter Journalist

Allemal besser als Ihr sinn- und witzloses Posting!

Re: Re: Ein promovierter Journalist

Nein, denn im Gegensatz zum obigen Schreiber hänge ich nicht via Presseförderung am Steuergeld-Tropf!

"um vieles zu spät"

Zu spät = zu spät - aus, basta
ABER: "um vieles später", das hätte auch für Sin Sinn ergeben...

Sinkothek

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