Stefan Knüpfer: Der Klavier-Versteher

Knüpfers Job: Pianisten noch die unmöglichsten Wünsche zu erfüllen. Nun hat der Cheftechniker von Steinway eine scheinbare Utopie wahr gemacht: Den Flügel mit zwei Mechaniken.

KlavierVersteher
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Stefan Knüpfer – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Von der DNA hängt es ab. Am Ende kommt man immer wieder auf diese drei Buchstaben zurück, wenn man mit Stefan Knüpfer über seine Arbeit spricht. Der 46-Jährige mit dem feinen blonden Haar und der ansteckenden Dynamik ist weder Genetiker noch Stammzellforscher. Er ist Cheftechniker beim Klaviergiganten Steinway in Wien. Also oberster Klavierstimmer, streng genommen, was aber zu sehr nach reinem Handwerk klingt. Hat man ihn ein, zwei Stunden bei der Arbeit beobachtet, drängt sich eher Klavier-Versteher auf. Oder Klavierpsychologe, so glaubwürdig bringt er Sätze wie „Und der Flügel sagt, ich fühle mich nicht wohl“ über die Lippen.

Auf jeden Fall glaubt Stefan Knüpfer zu wissen, wo sie sitzt: die DNA des Steinway. Also das, was dieses im Maximalfall 2 Meter 74 lange Gebilde aus Gusseisen, Holz und 88 Tasten zu mehr macht als einem 2 Meter 74 langen Gebilde aus Gusseisen, Holz und 88 Tasten, das nur Töne von sich gibt.

„Das hier gehört nicht zur DNA“, sagt er grinsend und klaubt aus dem Bauchraum eines maroden Pianinos, eine Schillingmünze hervor. Die Billa-Rechnung aus dem Jahr 1971 auch nicht. „Viel wird von diesem Klavier nicht übrig bleiben“, meint Knüpfer ohne Bedauern: Die Kunst sei es, die Substanz zu erhalten, also sozusagen das genetische Material der sterblichen Klavierhülle zu bewahren. Und diese Hülle kann manchmal ganz schön tot sein: „Da war dieser Rubinstein-Flügel. Er stand in Tel Aviv in einer offenen Garage herum. Drinnen wucherte schon das Moos, teilweise war er von Mäusen zerfressen.“ Alles reparabel, wenn die DNA intakt ist und man sie zu bewahren weiß. Mittlerweile hat Barenboim auf dem wie Lazarus auferweckten Instrument gespielt.


Anspruchsvolle Kundschaft. Nichts weniger als Wunder ist auch das, was seine Kunden von Knüpfer erwarten. Seine Klientel, das ist die erste Garde der Konzertpianisten. Alfred Brendel gehörte bis zu seinem Bühnenabschied dazu, Lang Lang vertraut ihm ebenso wie Pierre-Laurent Aimard. Sie müssen ihm vertrauen, denn dieser Mann hat die Macht darüber, ihr Konzert glücken oder misslingen zu lassen. Spielen muss jeder immer noch selbst, aber es ist ein bisschen wie bei einer Pizza: Wenn der Teig nichts taugt, nützt der beste Belag wenig. Eine Analogie, die Stefan Knüpfer gefallen könnte, er hat einen Hang zu anschaulichen Vergleichen, bevorzugt aus dem Sport.

Deshalb umschreibt er sein derzeitiges Lieblingsprojekt auch verschmitzt mit „Boxenstopp“. Ein Pianist ist mit dem Flügel nicht zufrieden? Dann musste bisher ein neues Instrument her. Knüpfer fand, das müsse nicht sein. Seine Vision: Man tauscht einfach die Mechanik aus. Das klingt für das Laienohr einfach, ist aber so verteufelt schwierig, dass es sich bisher schlicht niemand angetan hat. Zwei quasi idente Mechaniken, die beide, um beim Bild zu bleiben, aufs Präziseste in die Karosserie passen? Das war bisher eine Utopie, die die Mühe nicht zu lohnen schien. Knüpfer hat sich diese Mühe gemacht. Und eine seiner besten Mechaniken („Auf der haben alle Großen gespielt, von Brendel angefangen“) geklont. Also ist er doch irgendwie eine Art Stammzellforscher.

Sie sind gleich, und gleichzeitig so grundverschieden im Klang, so weit voneinander entfernt wie die Pole. Damit passt dieses Klavier mit seiner doppelten „Software“ perfekt zu dem Pianisten, der diese als Erster ausprobieren darf: Pierre-Laurent Aimard. Er ist, wie man aus dem wunderbaren Film „Pianomania“ weiß, einer von Knüpfers anspruchsvolleren Kunden. Sein Klavierdoktor beschreibt ihn so: „Aimard ist immer an den Polen zu Hause. Wenn man ihn einmal am Äquator trifft, dann nur, weil er gerade auf dem Weg von einem Pol zum anderen ist.“

Monatelang hat Knüpfer im wahrsten Sinne des Wortes an dieser zweiten Mechanik gefeilt: „Ganz gleich heißt nicht Millimeterarbeit, ganz gleich heißt ganz gleich. Ein zehntel Millimeter daneben, und es kann schon klappern.“ Und jetzt ist die Stunde der Wahrheit. Knüpfer erklärt „seinem“ Pianisten das Konzept, und falls Aimard verblüfft ist, lässt er es sich zunächst nicht anmerken. Das ändert sich schlagartig nach vollbrachtem Boxenstopp und Reifen-, Pardon, Mechanikwechsel. Der Pianist spielt ein paar Takte Brahms an. „Oh.“ Ein paar Takte Schumann-Konzert. „Ah.“ Als Aimard die Sprache wiedergefunden hat, fragt er ungläubig, ob es denn wirklich dasselbe Instrument sei. Dann hält ihn nichts mehr, er stürzt sich ins erste Brahms-Konzert, bricht ab, jubelt: „Ein wunderbares Brahms-Instrument. So ein reicher Kern. Feuer, Erde, Luft, Wasser, alles in einem Flügel.“


Der Ton im Kokon. Trotzdem muss für das Konzert am nächsten Tag wieder Mechanik Nummer eins herein. Knüpfer tauscht zurück, mit seinem Sportsgeist hat er wieder ein paar Sekunden auf die 54 vom Trockentraining gutgemacht. Doch Aimard ist noch nicht ganz glücklich: „Ich kann mit dem Hammer die Farben nicht so freigeben, wie ich möchte. Der Ton ist wie in einem Kokon gefangen.“ Knüpfer nickt, er scheint ganz genau verstanden zu haben. Und vor allem zu wissen, was er zu tun hat, um das Defizit zu beheben.

Ist es nicht unglaublich schwierig, mit jedem Pianisten eine gemeinsame Sprache zu finden? Ist es. Aber das Verstehen ist ein Kern seiner Arbeit: „Beim Nichtverstehen fangen die Probleme an“, meint Knüpfer und sieht das als Holschuld seinerseits, nicht als Bringschuld des Pianisten, sich vielleicht verständlich auszudrücken: „Man muss das halt jeweils für sich übersetzen. Es gibt keine Spinner.“

Fakten

Steinway & Sons wurde 1853 von dem aus Deutschland stammenden Heinrich Engelhard Steinweg in Manhattan gegründet. Das Flaggschiff der Firma, der 274-D-Flügel, erfreut sich bei den führenden Pianisten bis heute anhaltender Beliebtheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2013)

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