Marcelo Álvarez: Oper muss „wahrhaftig“ sein

In einer Repertoire-Serie von Puccinis „Tosca“ er nach langer Zeit nach Wien zurück. Dass die Staatsoperninszenierung über 50 Jahre alt ist, empfindet er geradezu als Befreiung von der Regiewillkür.

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Marcelo lvarez – (C) Staatsoper/ Axel Zenninger

Puccinis „Tosca“ – es geht die Mär, das Werk sei ein sicherer Erfolg, wenn drei exzellente Hauptdarsteller zur Verfügung stehen. Dass das nicht immer der Fall ist, weiß man aus leidvoller Repertoire-Erfahrung. Doch heute Abend sollte alles stimmen: Angela Gheorghiu gibt erstmals in Wien die Titelheldin, Željko Lučić mimt den Bösewicht in Gestalt des Polizeichefs Scarpia.

Und Marcelo Álvarez feiert sein Wiener Rollendebüt als Mario Cavaradossi. Er war noch länger von der Staatsoper abwesend als die Gheorghiu, die es vorzog, nach der Premierenserie von Gounods „Faust“ das Haus zu meiden. Álvarez hat 2006 das letzte Mal Oper in Wien gesungen, den Rudolf in Puccinis „Bohème“. Zwei Jahre zuvor war er der Titel-„Antiheld“ in Massenets „Werther“ – doch kam es nach der „Bohème“ zum Zerwürfnis mit dem damaligen Direktor.

Deshalb hat Wien den langsamen, aber stetigen Fachwechsel des bedeutenden Tenors verschlafen. Jetzt kehrt Álvarez zurück – in einer Partie, die er just seit 2006 gern und oft gesungen hat. Dass das Comeback in der über 50 Jahre alten Puccini-Inszenierung Margarethe Wallmanns vor sich geht, stört den Sänger keineswegs. Im Gegenteil. Auf das methusalemische Alter der Produktion angesprochen, lacht er und entgegnet: „Ich finde das super! In den vergangenen Jahren habe ich so oft in modernen Inszenierungen auftreten müssen, dass ich mich hier bei den Proben sozusagen selbst wiederfinde.“

 

„La donna e mobile“ zwischen Särgen?

„Verloren“ hat er sich in mancher der jüngeren „Neudeutungen“ von Werken des großen Opernrepertoires, an denen ihn vor allem ärgert, „dass der Text so oft nicht mit dem übereinstimmt, was auf der Bühne zu sehen ist. Deshalb ist es für mich Wiederauffrischung guten Geschmacks, in einer alten stimmigen Produktion aufzutreten.“

Zu den schlimmsten Erfahrungen, die Álvarez in seinem Bühnenleben machen musste, gehört eine „Rigoletto“-Inszenierung in Brüssel, Mitte der Neunzigerjahre: „Da musste ich ,La donna e mobile‘ auf einem Bett in sechs Metern Höhe singen, und ,Questa e quella‘ zwischen zwei Leichen, die in Särgen neben mir aufgestellt waren...“ Nachsatz: „Damals habe ich gelernt: Oper hat sich offenbar geändert.“

Álvarez ist nicht Sänger geworden, um sich solchen fragwürdigen Herausforderungen zu stellen. „Mich hat immer zuerst die Musik fasziniert“, sagt er, „das Schönste ist, mit guten Kollegen unter der Leitung von erstklassigen Dirigenten in den wichtigsten Häusern der Welt singen zu dürfen.“ Der Zusammenhalt des Ensembles am jeweiligen Abend sei das Um und Auf der Oper – „die Zeit der Diven, die einen Abend quasi zur Bestätigung ihres Ruhms genutzt haben, ist vorbei. Insofern hat sich die Oper ja wirklich geändert. Es geht um die Wahrhaftigkeit.“

Eine Wahrhaftigkeit, die sich möglichst auch im viereckigen TV-Format transportieren lassen sollte: „Wir müssen längst so singen, dass es nicht nur schön klingt, sondern auch gut ausschaut.“ Der Tenor erinnert sich an seine Anfänge: „Da sah ich einen unglaublich dicken Mann, der ,O sole mio‘ gesungen hat, und ich dachte: Mein Gott, der Unglückliche.“ Wenig später konnte der junge Álvarez dem großen Luciano Pavarotti die Geschichte sogar selbst erzählen – und beide haben sich darüber amüsiert.

Ein echtes Initiationserlebnis war Franco Zeffirellis Filmversion von Verdis „Traviata“ mit Teresa Stratas und Placido Domingo: „Da saß ich mit offenem Mund und dachte: Genau das will ich auch machen!“ Das Schicksal wollte es, dass Álvarez nicht lang nach seinem Bühnendebüt in Bellinis „Sonnambula“ selbst in Zeffirellis Einstudierung der „Traviata“ in New York auf der Bühne stand – notabene unter der Leitung desselben Dirigenten, James Levine. Darauf ist er heute noch stolz: „Nach nur drei Jahren der Karriere an der Met zu singen, mit großen Kollegen in einem solchen Haus!“

In der „Traviata“ war Álvarez seither an die 170 Mal auf allen bedeutenden Opernbühnen zu erleben. Seit seinem Debüt als Cavaradossi und der erste Radames („Aida“), 2010, ist der Fachwechsel ins heldischere Genre vollzogen. Angebote für den „Otello“ gab es bereits, doch will Álvarez zuwarten, bis sich die rechte künstlerische Konstellation ergibt. Singen könnte er den „Mohren von Venedig“ schon, davon ist er überzeugt: „Ich habe keine Angst, dass mir Otello die Stimme ruinieren könnte. Dieses Problem haben nur Sänger, die zu früh an dieses Fach herangehen.“ Das sei heutzutage verlockend, denn Intendanten und nicht zuletzt Dirigenten „üben einen immensen Druck aus. Das kann schädlich sein: Wenn ein junger Sänger sofort wie Corelli oder del Monaco klingen soll, ist er nach fünf Jahren kaputt!“

 

Singen, halb italienisch, halb französisch

Diesem Druck hat sich Álvarez nie gebeugt. „Ich habe mein Repertoire mit Bedacht aufgebaut, italienisches wie französisches Fach gleichermaßen gepflegt. Das halte ich für besonders wichtig.“ Wer da zu einseitig vorgehe, dem fehlten, so Álvarez, technische Grundlagen und Farbpalette: „Bei den Franzosen habe ich gelernt, richtige Pianissimi zu singen, von den Italienern kommt die vokale Rundung.“ Überdies ließe sich von Italienern dann die Leidenschaft auf die französische Oper übertragen.

Auf solch sicherem Fundament singt sich auch italienischer Verismo gut – und vor allem: „richtig“, betont Álvarez. „Verismo ja, aber dann wie Benjamino Gigli. Man muss mir einer lyrischen Stimme rangehen. Gigli musste es ja wissen, er hat mit den Komponisten gearbeitet! Keiner war so nahe dran wie er!“

Apropos: Das Tandem „Cavalleria rusticana“/„Bajazzo“ ist in Álvarez' Repertoireliste bereits in Sicht. „2016/17 wird es das geben“, kündigt der Tenor an, zunächst – wie jüngst „La Gioconda“ – an der Met.

„Tosca“: 5., 8., 11. und 15. September.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2013)

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