Als London das Zentrum der Welt war

Charles Emmerson hat weltweit die Metropolen vor dem Ersten Weltkrieg studiert. Er schätzt Wien und Istanbul, obwohl London damals unbestreitbar das Zentrum der Welt war. Und er bemerkt auch viele Parallelen zu 2013.

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Buckingham-Palast London 1913 – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Der Historiker Charles Emmerson führt in „1913: The World before the Great War“ (erschienen bei The Bodley Head London) den Leser durch die Welt. Seine Reise beginnt in London, geht von dort in fünf europäische Metropolen, dann in beide Amerikas bis nach Australien, Asien und Afrika. Die Idee ist bestechend: In 21 Essays werden knapp zwei Dutzend große Städte durchleuchtet. Sein globaler Überblick zeigt vor allem, wie ähnlich das urbane Leben damals schon dem heutigen war. Der „Presse“ erläutert er seine umfangreiche Studie.

 

Die Presse: Wien ist in Ihrem Buch prominent vertreten. Was machte diese Stadt so besonders?

Charles Emmerson: Wien war 1913 mindestens so bedeutend wie New York. Es war die Hauptstadt eines Imperiums, mit Wurzeln tief im Mittelalter, mitten auf dem europäischen Kontinent. Damals dominierte die europäische Zivilisation die Welt, dort wurden die globalen Entscheidungen getroffen. Amerikanische Güter begannen die Welt zu erobern, aber Wien bedeutete für Europäer viel mehr – in der Musik und Kunst, in den Fragen von Weltkrieg oder Weltfrieden.

 

Was fasziniert Sie am meisten an Wien?

Die scharfe Dualität der Stadt: Einerseits gab es in ihr das Archaische eines greisen Kaisers, andrerseits die Dynamik städtischer Kultur oder auch den Populismus der Politik– man schlingerte hier zwischen hehren Traditionen und wilder Modernität.

 

War es 1913 absehbar, dass die Monarchie der Habsburger vor dem Scheitern stand?

Es gab damals einen schönen Spruch: Ein österreichischer Staatsmann sei einer, der einen Regenschirm geschluckt hatte und nun voller Angst war, dass der jeden Moment aufgehen könnte. Man hat geahnt, dass die Zukunft des Reiches belastet war, durch seine vielsprachige, multireligiöse Struktur – durch Ungarn, Tschechen, Serben etc. Doch andererseits konnte man genau diese Aspekte der Diversität als Versuch ansehen, eine noch viel weiter gehende Integration Europas zu wagen, als notwendigen Heilungsprozess für Nationalismus, als Symbol wachsender ökonomischer und kultureller Interdependenz.

 

Man kann also nicht einseitig behaupten, dass dieses Reich auf der falschen Seite der Geschichte gestanden ist?

Vielleicht hätte Österreich-Ungarn nur die nötigen Strukturreformen gebraucht, um seine ehrgeizigen Pläne Realität werden zu lassen. Das Motto der Europäischen Union – Einheit in der Vielfalt – hätte leicht auch für das Habsburgerreich stehen können. Es ist schließlich zusammengebrochen – aber es hielt während des Großen Krieges viel besser zusammen, als die meisten erwartet hatten.

Wo war damals das Zentrum der Welt?

Eindeutig in London. Ein Autor deutscher Herkunft nannte es die „permanente Weltausstellung“. London war nicht nur Hauptstadt des teuersten Empires, das die Welt je gesehen hatte, sondern auch das Zentrum eines globalen Netzwerks der Finanz, Kapitale der Globalisierung, wenn Sie wollen. Genau das möchte London auch zu Beginn des 21.Jahrhunderts sein, es will die Welt gleichermaßen reflektieren und formen.

Welche Stadt gefällt Ihnen am besten?

Für mich ist Istanbul ganz schwer zu schlagen, obwohl 1913 wahrscheinlich nicht das beste Jahr für einen Besuch gewesen wäre.

Wer sind die großen Verlierer seit 1913? Wer waren die langfristigen Sieger?

Die USA haben klar gewonnen, sie werden ungemein mächtig und dynamisch bleiben. Für die kommenden hundert Jahre hat China beste Chancen, doch es leidet noch immer an den Erniedrigungen der letzten 200Jahre. Es sieht auch nicht so aus, als ob der Kurs dort geradlinig sein wird. Auch Russland ist interessant. Um wie viel reicher und mächtiger wäre die zweite Supermacht des 20.Jahrhunderts, wenn es den Großen Krieg und die Revolution nicht gegeben hätte? Schließlich darf man nicht vergessen, wie dominant Europa 1913 war, politisch, kulturell, ökonomisch. Das ist heute überhaupt nicht mehr so und wird es 2113 wahrscheinlich noch weniger sein. Die Europäer müssen diesen Bedeutungsverlust einsehen.

Lenin hat 1913 behauptet, der Kapitalismus triumphierte global. Behält er recht?

Natürlich nahm er an, dass dieser Triumph nur die erste Stufe der Entwicklung sei, dass dann der Sozialismus siegen werde. Es entwickelte sich nicht ganz so. Wir sind nun in einer anderen Phase der Geschichte, mit einem ungezügelten Kapitalismus, der dieser Welt großes Wachstum brachte. Doch die Herausforderungen sind die gleichen wie 1913: wie man sozialen Zusammenhalt und auch Chancen bewahrt, wie man absichert, dass ökonomische und echte politische Freiheit harmonieren. Es ist außerordentlich, wenn man liest, wie sich die Amerikaner 1913 über die Macht der Wall Street Sorgen machten. Das klingt wie von heute.

Hat das Verfassen dieses Buches Ihre Sicht auf Europa und die Welt verändert?

Absolut. Wenn man das Jahr 1913 studiert, denkt man anders über 2013, über Reiche. Man sieht sie als Netzwerke von Interessen, die ständig verhandelt werden, zwischen Kolonisten und Kolonisierten. Ich sehe jetzt auch die Globalisierung anders. Sie kann fragmentarisch sein und sogar reversibel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2013)

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