Bad Boy Bach? Die (dubiosen) neuen Gesichter des Genies

Ein wiederentdecktes Bild soll den "echten" Bach zeigen; ein Roman und ein Musikwissenschaftler beantworten, warum Bach keine Oper und nach 1740 so wenig Werke hinterließ.

Sir John Eliot Gardiner am 13 02 2014 nach einer Pressekonferenz im Bach Museum in Leipzig vor einem
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Sir John Eliot Gardiner am 13 02 2014 nach einer Pressekonferenz im Bach Museum in Leipzig vor einem
Sir John Eliot Gardiner am 13 02 2014 nach einer Pressekonferenz im Bach Museum in Leipzig vor einem – (c) imago/epd (imago stock&people)

Auf alten Plattencovern lächelt er einem noch entgegen, der milde Gottvater mit Perücke, in seinem Blick die Weisheit und Menschlichkeit seiner Musik. Heute ist das Bild nicht mehr beliebt, kaum jemand glaubt, dass das Porträt von Johann Jakob Ihle den Komponisten als Kapellmeister in Köthen zeigt. Zu schade... Stattdessen musste man sich, was Bachs Physiognomie angeht, lange mit dem einzigen sicher echten Porträt abfinden: dem Ölbild von Elias Gottlob Haußmann. Es zeigt Bach vier Jahre vor seinem Tod – feist, selbstzufrieden und irgendwie grantig; das könnte genauso gut ein bornierter Beamter oder musenfeindlicher Kaufmann sein.

Doch dann kam 2008 ein neuer Bach: endlich perückenfrei! Zwar ohne verstrubbelte Original-Geniefrisur wie Beethoven, stattdessen mit grauem Kurzhaar und Geheimratsecken – aber immerhin: ein Bach, wie man sich ihn heute auf der Straße vorstellen könnte. Eine schottische Anthropologin hatte eine Computer-Rekonstruktion erstellt, im Wesentlichen nach dem Bronzeabguss von Bachs Schädel (der nicht ganz sicher seiner ist) und Haußmanns Ölbild. Sie konnte die Muskeln rekonstruieren, aber nicht Fettschichten, Lebens- und Altersspuren, da orientierte sie sich am heutigen Durchschnitt. Das Ergebnis: ein gänzlich geistlos blickender Stierkopf, der eher aussieht wie ein gerade vom Solarium kommender Bankmanager, dem die Wirtschaftskrise Sorgen bereitet.

„Echte“ Bach-Porträts sind immer enttäuschend, vor allem, wenn man „echt“ doppelt unter Anführungszeichen setzen muss: Ab 1.Mai zeigt das Bachhaus im thüringischen Eisenach ein angeblich überraschend in Privatbesitz aufgetauchtes, bisher unbekanntes Pastellbild. Es zeige den 45-jährigen Musiker und sei außer jenem von Haußmann das einzige Porträt des Komponisten zu Lebzeiten.

Das wäre ja wirklich eine Sensation; aber was man verschwieg (und der Bach-Biograf Martin Geck nun in der „FAZ“ verriet): Das Bild wurde schon in den 1920er-Jahren einmal dem Direktor des Bachhauses vorgelegt, gelangte später in Privatbesitz und wurde von Fachleuten immer wieder sehr skeptisch beurteilt. Umso besser, möchte man meinen – so harm- und belanglos, wie der Herr in Pastell aus diesem geschmacklosen Bild herausschaut.

Bach als „Bad Boy“.
Da ist der Bach, den der Dirigent John Eliot Gardiner zuletzt gezeichnet hat, viel interessanter. Im Ende 2013 erschienenen Buch „Bach: Music in the Castle of Heaven“, das bisher leider nur auf Englisch erschienen ist, entwirft der britische Dirigent ein Bild vom Komponisten als „Bad Boy“. Dieser Mann „war ganz sicher kein Langeweiler“, verkündet Gardiner, der seit 2014 Präsident des Bach-Archivs Leipzig ist. Vielmehr habe in ihm ein rebellischer Jugendlicher gesteckt, der mit jeder Art Autorität ein Problem hatte. Die Wurzeln dafür sieht Gardiner in Kindheitstraumata, der „abstoßenden Atmosphäre seiner ersten Schulzeit“ zwischen Grobianen und brutalen Lehrern. Dass Bach kein Muster menschlicher Vollkommenheit und leichter Mensch war, sich immer wieder mit seinem Umfeld zerstritt, ist nichts Neues. Gardiners jugendlicher Rowdy geht aber schon sehr ins Spekulative, selbst wenn für diesen psychologischen Befund auch die Vokalmusik als Beweismaterial herangezogen wird.


Hat Bach sich eine „Auszeit“ gegönnt? Viel zu wenig weiß man über den Menschen Bach, der selbst fast keine Zeugnisse hinterlassen hat, keine Tagebücher, kaum Briefe. Und so ist auch bei neuen „Erkenntnissen“ der Musikwissenschaftler immer ein bisschen Spekulation dabei. Warum etwa hat Bach nach einer unglaublichen Schaffensperiode, in der die Matthäus- und die Johannes-Passion und fast wöchentlich neue Kantaten entstanden, nach 1740 fast nichts mehr komponiert (wenn man bei einem „Output“ wie der h-Moll-Messe und dem „Musikalischen Opfer“ von „fast nichts“ sprechen kann)? Da müssen Werke verloren gegangen sein, hat man immer wieder vermutet. Nein, er habe sie wohl „schlichtweg nicht komponiert“, meint der deutsche Bach-Forscher Michael Maul. Maul hat einen Brief des Bach-Schülers Gottfried Benjamin Fleckeisen gefunden; darin behauptet er, er habe als Student, „statt des Capellmeisters zwey ganze Jahre die Musik an den beiden Leipziger Hauptkirchen, der Thomas- und der Nikolaikirche, aufführen und dirigieren müssen“. Offenbar hat Bach im Jahrzehnt vor seinem Tod nach Jahren des Streits mit den Stadtoberen seine (Kompositions-)Arbeit „schleifen“ lassen. Und zu krank zum Arbeiten dürfte er nicht gewesen sein, wie seine Reisen beweisen.

Wie viel oder wenig er in dieser Zeit genau komponiert hat, wird die Forschung vielleicht nie klären. Da tun sich die Schriftsteller leichter, Lücken zu füllen: der Deutsche Jens Johler etwa, der kürzlich einen „Bach-Roman“ mit dem Titel „Die Stimmung der Welt“ veröffentlicht hat. Von Gardiners halbstarkem Aufbegehrer ist darin keine Spur. Johlers Bach ist ganz der brave alte Bach, schon als Jugendlicher auf der Suche nach der vollkommenen Musik – einer Musik, die nicht nur von dieser Welt ist. Aber Johler imaginiert seinen gut recherchierten und ansprechend geschriebenen Roman mit Verständnis für Bachs Musik und bettet ihn plastisch in den Alltag und die gesellschaftlichen Debatten seiner Zeit ein. Wo es Dokumente gibt, folgt er ihnen, nur bei großen Lebenslücken lässt er der Fantasie freien Lauf. Wer sich etwa fragt, warum von Bach keine Oper erhalten ist, weiß nun: Liebeskummer war schuld.

Das ist natürlich Johlers Bach. Aber auch, wenn wir einen Musiker Bach spielen hören, hören wir, egal wie großartig sie sein mag, die Wahrheit eines anderen. Lernen Sie ein Instrument, empfiehlt der Pianist Jeremy Denk deswegen, lesen Sie die Noten, spielen Sie sie. Und „egal, wie unsicher, wie un-transzendent Ihre Technik ist: Ich verspreche Ihnen, es könnte der beste Bach sein, den Sie je hören werden“.

Buchtipps

Jens Johler, „Die Stimmung der Welt“: Der sympathische Bach-Roman bettet den Musiker plastisch in den Alltag und die Debatten seiner Zeit.

John Eliot Gardiner, „Music in the Castle of Heaven“: Der britische Dirigent versucht den Menschen auch aus seiner Vokalmusik zu erschließen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2014)

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