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Opernkritik: Ein Fest für Monteverdi

14.08.2003 | 00:00 |  VON GERHARD KRAMER (Die Presse)

Bei den Innsbrucker Festwochen führte René Jacobs Monteverdis "L'Orfeo" zum Triumph.

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Erstmals seit der Gründung der Fest wochen 1976 erklingt im sommerli chen Innsbruck Monteverdis "L'Or feo", jener Geniestreich von 1607, mit dem die Geschichte der Kunstgattung Oper in Wahrheit erst beginnt. Rezitative voll kühnster, hochexpressiver Harmonik, hochgezüchteter vokaler Manierismus, ein reich besetztes Instrumentalensemble und madrigaleske Chorsätze vereinigen sich hier zum musikalischen Kleinod sondergleichen.

Dirigent und Bearbeiter René Jacobs hat sich auch diesmal nicht mit der Wiedergabe der (minuziös ausinstrumentierten) Originalpartitur begnügt. Da ist das Continuo noch farbiger aufgefächert als bei Monteverdi, auskomponierte Streicherklänge täuschen Accompagnati vor, ein Fernorchester im Hintergrund der Bühne zaubert Klänge in den Raum . . . - Und doch: Das alles ist mit soviel Geschmack, Einfühlungsvermögen, auch handwerklichem Können gemacht (und dirigiert), dass nur musikhistorische Fundamentalisten die Nase rümpfen könnten. Zumal das Orchester, gebildet aus Mitgliedern des Concerto vocale und der Akademie für Alte Musik Berlin, mit höchstem Können und ebensolcher Motivation am Werk ist.

Gleicher Wohllaut tönt ihnen von der Bühne entgegen, wo sich die Stimmen der Solisten als Hirten, Nymphen und Geister der Unterwelt mit dem Chor des Vocalconsort Berlin zu prachtvoller Harmonie vereinigen. Abermals hat Jacobs mit der Auswahl der Sänger sein untrügliches Gespür bewiesen: Da ist die Katalanin Nuria Rial mit ihrem leuchtend klaren Sopran eine ideale Musica und Euridice. Mit Ausdauer und stilistischer Brillanz macht sich der ebenso blutjunge französische Bariton Stéphane Dogout die Titelpartie zu eigen; mit verblüffender Flexibilität hebt die Schweizerin Marie-Claude Chappuis die verzweifelte Härte der Todesbotin von den schmeichlerischen Mezzotönen der Proserpina ab. Paolo Battaglia verleiht dem Fährmann Caronto die rollengerecht raue Tiefe seines Basso profundo; milder gestimmt ist sein Fachkollege Antonio Abete als Pluto. Topi Lehtipuu lässt als Apollo seinen jugendlich hellen Tenor hören.

Ein wahres Fest also, gäbe es da nicht auch einen Regisseur und sein unvermeidliches "Konzept". Barrie Kosky vom Wiener Schauspielhaus hatte es sich partout in den Kopf gesetzt, Orfeo müsse "seine" Oper erst im Augenblick des Erklingens komponieren. Die Folge: Zwei Akte lang nervt ein aufdringlich-hektisches Spiel mit Notenblättern, ehe es mit dem Hereinbrechen der Tragödie notwendiger Weise endet.

In der Unterwelt-Szene gelingen dem Regisseur im Verein mit seinem Light Designer Nigel Levings immerhin einige fesselnde Bilder, ehe zuletzt Gott Apollo als Außerirdischer sowie die vom Schnürboden herabstürzenden Leichenteile noch einmal Verstörung stiften - bewusst hat doch Monteverdi die Zerstückelung des unglücklichen Sängers durch die Bakchantinnen nicht komponiert! Wenig erhellend wirkt auch das Bühnenbild von Klaus Grünberg mit seinen isolierten Anspielungen auf den Surrealismus eines Dalí oder Magritte, und wenig ansprechend sind die Straßenanzüge, in die Miro Paternostro die Hirten gekleidet hat.

Im voll besetzten Landestheater stand ein einsamer Buhrufer gegen die allgemeine Begeisterung. Ähnlich wird wohl im Jänner auch das Publikum der Berliner Lindenoper, die Koproduzentin ist, reagieren.

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