Musikverein und Konzerthaus: Willkommen im 20. Jahrhundert!

28.05.2007 | 18:09 |   (Die Presse)

RSO Wien gegen Wr. Symphoniker: Lokal-Derby samt Dudamels fulminantem Dirigenten-Debüt.

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Strawinskys Mutter konnte nicht pfeifen. Aber es heißt, sie habe 1938 ernsthaft an einen Versuch gedacht: Da hörte sie nämlich, ein Vierteljahrhundert nach der Uraufführung, zum ersten Mal „Le Sacre du Printemps“ – und wusch ihrem Sohn erzürnt den Kopf. Gewiss, konservativ geschulte Ohren im Publikum brauchten Jahrzehnte, um sich an die unerhörten Dissonanzen und ekstatisch-irregulären Rhythmen dieser „Bilder aus dem heidnischen Russland“ zu gewöhnen, die ihnen wie der kranke Rückfall in musikalische Barbarei erscheinen musste.

Mittlerweile gehört das faszinierende Schlüsselwerk der historischen Moderne zum Standardrepertoire – trotz oder gerade wegen der spiel- und schlagtechnischen Herausforderung an Orchester und Dirigenten. Der 24.Mai 2007 dürfte dennoch in die musikalischen Annalen Wiens eingehen: Dass an einem Abend nicht nur die Wiener Symphoniker im Konzerthaus und das Radio-Symphonieorchester Wien im Musikverein den kompletten „Sacre“ spielten, sondern auch noch die Wiener Philharmoniker immerhin dessen zweiten Teil bei ihrem Open-Air in Schönbrunn, hat es noch nicht gegeben.

Beim Konzert des RSO unter seinem Chef Bertrand de Billy lag freilich das programmatische Gewicht noch auf deutlich jüngerer Musik: Etwa auf dem Posaunenkonzert „Fairlight“ (2004) von Rolf Martinsson, mit dem der Schwede dem gleichnamigen ersten Synthesizer mit Sampling-Technik ein „analoges“ Denkmal setzt. Ein Stück, buntscheckig, lärmig, witzig und exaltiert wie mehrere Kirtage zusammen – und nur ein Solist vom Schlage Christian Lindbergs kann auf ihnen allen tanzen. Sonores Legato, kapriziöse Sprünge, brodelnde Extrem-Tiefe: Als veritablem Posaunen-Paganini steht Lindberg eine Ausdruckspalette zur Verfügung, die er auch für eigene Kompositionen nützt, etwa die von orientalisch-tänzerischem Schwung getriebene „Arabenne“ für Posaune und Streicher. Gewiss keine große Musik, die beiden Konzerte, aber im besten Sinne unterhaltsam und durch Lindbergs lockere Virtuosität mitreißend.

Und endlich „Sacre“. Gemeinsam mit Bertrand de Billy verbiss sich das RSO mit kraftstrotzender Hingabe in den Bruitismus des Werks, stellte den expressiven Ausnahmezustand eindrucksvoll über die allerletzte Präzision im Zusammenspiel. Die Wiederholung des Symphoniker-Konzertes tags darauf machte den direkten Vergleich möglich – und da entpuppte sich Gustavo Dudamel als Trumpf. Unter der souveränen Leitung des erst 26-jährigen Venezolaners war mitzuerleben, wie „Le Sacre du Printemps“ seine letzte Sprengkraft erst durch höchste Genauigkeit entfacht – und bei aller Prägnanz auch, wo's sein darf, mit Noblesse, schönem Ton, geheimnisvoller Sinnlichkeit und liebevoll modellierten Nebenstimmen prunkt.


Bubencharme und Schwesternspiel

Eine Aufführung wie aus einem Guss, eine grandiose Leistung der Wiener Symphoniker – und das fulminante Wien-Debüt eines Dirigenten, der nicht bloß über medientauglichen Bubencharme verfügt. Da war ganz vergessen, dass zuvor bei Poulencs Konzert für zwei Klaviere bei aller pointierter Akkuratesse der Zusammenhang etwas gebröckelt hatte und Katia und Marielle Labèque ihre Klavierparts in schwesterlicher Eintracht primär als „Hackordnung“ exekutierten: als Folge von in die Tasten genagelten Tönen, unterbrochen von gesäuselten Kontrasten – wenig Nuancen dazwischen.

Kein Zweifel: Wiens Musikleben ist mit diesem symbolhaften Tag im 20. Jahrhundert angekommen. Bravo, weiter so! Dass mittlerweile längst das 21. angebrochen ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2007)

 
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5 Kommentare
Henriette Alt
28.05.2007 20:58
0

Der Rezensent dürfte eine Software benützen,

die ihm aus Textbausteinen immer neue, ewig gleiche rezensionen bastelt. Und warum "des Werks", aber "des Konzertes"? Ein Update tut not.

Antworten Gast: Meckbesser
29.05.2007 13:11
0

Re: Der Rezensent dürfte eine Software benützen,

"Werks" oder "Konzertes", was soll's?
Die Rezension trifft jedenfalls für das Konzert der Symphoniker mit Gustavo Dudamel, das ich erleben durfte, punktgenau.
Die beiden Labèques sind bestimmt ganz ausserordentlich bezaubernde Damen, aber Klavierspielen scheint nicht ihre Stärke zu sein. So klang dann auch der Poulenc: niedlich zum anschauen, wie da zwei auf die Tasten hämmerten, da konnten auch die Symphoniker trotz Topform und der unglaubliche Dudamel kein Wunder wirken.
Aber dann Strawinksy, wie ich ihn noch nie erlebt habe. da fand das Wunder statt. Unendlich schön, aufregend, schlüssig. Ein singuläres Ereignis.

Antworten Gast: michel maik
29.05.2007 12:32
0

"Sacre" mit Dudamel - eine Sensation!

Dieser 24. Mai wird in die Annalen der Musikstadt Wien vor allem auch deshalb eingehen, weil diese Stadt einen solchen Strawinsky wohl noch nicht erlebt hat.
Mit dieser Aufführung von Le Sacre du Printemps haben die Wiener Symphoniker meines Erachtens Interpretationsgeschichte geschrieben. Es blieb nicht nur bei den prachtvollen Klangentladungen, den mitreißenden Rhythmen, die natürlich ihre Wirkung nie verfehlen, sondern Gustavo Dudamel macht die Struktur des Werkes vom ersten bis zum letzten Takt hörbar, so plausibel, so selbstverständlich, so bezwingend logisch, dass man sich wundert, warum man dies noch nie gehört hat. Und die Wiener Symphoniker ließen für eine gute halbe Stunde alle Orchester dieser Welt hinter sich und spielten, dass einem Hören und Sehen verging. Das war sicher eine dieser Aufführungen, die man später einmal als legendär bezeichnen wird. Die, die dabei sein durften, haben es offenbar so empfunden, und der Jubel war groß.

Antworten Antworten Gast: h.m.steu
29.05.2007 17:42
0

Re: Wiener Symphoniker setzten Maßstäbe

Es war in der Tat begeisternd.
Die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Gustavo Dudamel haben hier mit Le Sacre du Printemps buchstäblich neue Maßstäbe gesetzt: so überwältigend kann also Strawinsky klingen, ein neues Hörerlebnis, wer nicht dabei war, kann sich's nicht vorstellen.
Überhaupt ist dieses Orchester auf einem künstlerischen Niveau angelangt, dass es eine wahre Freude ist. Die Konzentration und Begeisterung, mit der die MusikerInnen bei der Sache sind, scheinen sich unmittelbar auf das Publikum zu übertragen. Dieses lauscht mit angehaltenem Atem und leistet so seinen Beitrag zum Erlebnis. Man kann nur hoffen, dass die Topform des nun wohl ersten unserer beiden Wiener Weltklasse-Orchester lange anhält.

Antworten Antworten Antworten Gast: S.f.
30.05.2007 10:44
0

Re: Re: Wiener Symphoniker setzten Maßstäbe

Hätten die Symphoniker die gleichen Dirigenten wie Philharmoniker, gäbe keine Stadt der Welt, die das überbieten könnte. Nur scheint es Leute zu geben, die genau das nicht wollen.

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