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Ein Satansbraten, wohl geraten

20.02.2008 | 18:31 | KARL GAULHOFER (Die Presse)

Scherz, Satire und zeitgenössische Musik: Die Neue Oper Wien serviert eine Grabbe-Vertonung als frech-fröhliche Apokalypse.

Der Teufel kommt auf Erden, weil in der Hölle Putztag ist. An einem heißen Sommertag droht er zu erfrieren und flüchtet in den Kamin eines Barons. Sodann versucht er die Kleingeister eines Provinznests zu verderben, doch siehe da: Das haben die schon selbst besorgt.

Aus diesen burlesken Ideen zimmerte Christian Dietrich Grabbe 1827 die Komödie „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Eine anarchische Posse, voll unziemlicher Anspielungen auf Literatur und Ungeist der Epoche. Grabbes Zeitgenossen hatten da viel zu lachen. Doch wir, hier, heute? Gelehrter Humor im klassischen Gewand des Reclam-Heftchens: Das macht so fröhlich wie die Büttenrede eines Philologen.

Über 100 Jahre galt das Stück als unaufführbar. Später plagten sich Regisseure meist vergebens damit ab, den papiernen Witz zu Bühnenleben zu erwecken. Vor acht Jahren wagte ein junger deutscher Komponist, Detlev Glanert, die Missverhältnisse zu potenzieren: Er vertonte den Biedermeier-Schmäh als zeitgenössische komische Oper. Nein, das kann nicht funktionieren. Doch siehe da: Es funktioniert doch.

Das liegt auch am Librettisten Jörg Gronius, der das Stück geschickt auf bühnenwirksame Szenen reduziert und Grabbes heiteren Schluss in eine kurze, wilde Apokalypse umdeutet. Vielleicht glaubte auch er nicht, dass neue Musik ohne Vorbehalt lustig sein kann. Wie auch immer: Es blieb genug zu komponieren.


Regietheater verulkt sich selbst

Glanert bewältigt die Textmassen mit fast durchgehendem Allegro und leichtem Parlandoton. Durch differenzierte Rhythmik und Orchestrierung verleiht er den bösen, feigen oder sentimentalen Spießbürgern Profil. Lustvoll plündert er die Musikgeschichte, ergänzt literarische mit musikalischen Anspielungen aller Epochen. Dabei behält er seinen eigenen, an Henze geschulten Ton.

Schon an 14 Orten wurde die Oper gespielt, ein selten gnädiges Schicksal für modernes Musiktheater. Auch die Österreich-Premiere im Museumsquartier geriet zum Erfolg, einer schwungvollen Inszenierung von Nicola Raab und einem motivierten Ensemble sei es gedankt. Den Stimmen des romantischen Liebespaar Mollfels und Liddy gewährt Glabert kantable Entfaltung. Michael Spyres und Magdalena Anna Hoffmann dürfen regelrecht singen, und sie wissen ihre Chance zu nutzen. Bernhard Landauer verleiht seinem schelmisch-androgynen Teufel erfrischende Bühnenpräsenz.

Heidi Wolf meistert die Aufgabe, die der Librettist einem Nebenfigürchen aufgebürdet hat: Das dumme Kind Gottliebchen deformiert sich bei ihm – nicht ganz schlüssig – zu einem dämonischen Teufelsersatz. Auch das Liebespaar, die einzig Guten, können da nichts mehr ausrichten. Statt einer erlösenden Götterdämmerung dämmert dem Teufel, dass seine Aufgabe auf Erden längst erfüllt ist. Der Satan weicht dem Satansbraten. Gottliebchen bringt die Welt zum Einsturz. Zu viel „tiefere Bedeutung“? Das Regietheater parodiert sich, in Grabbes Manier, genüsslich selbst: Am Bühnenrand, auf verlorenem Posten, sitzen vier Naturwissenschaftlicher, die die Natur des Bösen nie ergründen können. Im Reclam-Heftchen suchen sie nach dem Text, den sie da hören. Das Publikum ist schlauer: Es lacht und applaudiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2008)


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