Sensible Besetzungspolitik ist gefragt. Es ist nicht leicht, Singschauspieler aufzutreiben, die trotz der verhältnismäßig eindimensionalen Typisierung der Figuren glaubwürdig bleiben und die reiche Palette der musikalischen Psychologisierung durch Verdi auszukosten imstande sind. Des öfteren treibt die Macht des Bühnenschicksals sie innerhalb kürzester Zeit in extrem voneinander geschiedene Winkel vokaler Kunstfertigkeit. Der Tenor wechselt von der kultivierten Piano-Phrase seiner großen Arie fast unmittelbar zu martialischen Attacken, mit denen er dem rachsüchtigen Bruder seiner Geliebten Paroli bieten muss. Wenn er wechselt.
Wenn nicht, dann klingt es wie bei Salvatore Licitra, unter dessen hemdsärmelig zupackenden Kraftmeier-Fanfaren jegliche Geschmeidigkeit der Phrasierung zugrunde geht. Es bleiben imposante, doch unter dem fortwährenden Druck oft in der Höhe ein wenig gequält wirkende Forte-Passagen, die in bemerkenswertem Gegensatz zu den eher verhaltenen Tönen stehen, die der Gegenspieler Don Carlo hören lässt: Der edle Bariton von Carlos Álvarez leidet am meisten unter der Öffnung des mehrheitlich nur aus einem drehbaren schrägen Laufsteg geformten Bühnenbilds (Richard Hudson). Seine zentrale Arie muss er noch dazu auf einem Gerüst auf der Höhe des zweiten Logenrangs singen. Mag sein, noble Phrasierung und unleugbare Stimmbeherrschung hätten unter günstigeren strategischen Umständen mehr Effekt gemacht.
Bei Alastair Miles' Pater Guardian ist das kaum anzunehmen. Sein Bass hat mittlerweile jegliche Kraft in der Tiefe verloren und lebt nur noch von der Fähigkeit zu langen Atemzügen, die meist wirkungslos verwehen. Dass derselbe Sänger zu allem Überfluss auch den Marchese di Calatrava singt, der im ersten Bild dem Pistolenschuss zum Opfer fällt, der sich unwillkürlich aus Alvaros Pistole löst, macht die Sache vokal nicht reicher – und dramaturgisch wirr.
Bleiben die Damen: Nina Stemmes Leonora, beherzt und in vielen hochexpressiven Momenten auch zu Herzen gehend. Die große „Pace“-Arie im Schlussbild verrät, dass die Prachtstimme bereits zu heroischerem Format anwächst, doch bleiben viele erfüllte Augenblicke beseelten Gesangs der vorhergehenden Akte im Gedächtnis, zumal das philharmonische Orchester sich unter der Leitung des souveränen Zubin Mehta frei genug fühlen kann, den von Anbeginn (wenn auch zunächst mit merkwürdig wenig dramatischem Impetus) zelebrierten Schönklang im Falle entsprechender Signale von der Bühne feinfühlig mit Emotion anzureichern. Dem durchaus mit Animo singenden Chor (einstudiert von Thomas Lang) wird entsprechend untergezündet. So findet die kriegerische Preziosilla den rechten Boden für vokale Feuerwerke. Dass Verdi hier die Koloraturgewandtheit des Pagen Oscar mit der sonoren Klanglichkeit der Zauberin Ulrica aus dem „Maskenball“ in einer Person vereint, macht sonst Mühe. Nadia Krasteva hat keine – ihre Stimme spricht in allen Lagen an, ist beweglich wie die Sängerin selbst, die bis zum Spagat sogar mit dem Ballett mithalten kann.
Ein szenisches Fiasko
Dass sie beinah unbedankt bleibt, liegt an den Unbilden der Regie, die es schafft, diesen musikalisch zumindest gediegenen Abend zum szenischen Fiasko zu machen. Mit Videoszuspielungen und einem Cowboy-Ballett frönt David Pountney seinen antiklerikalen Gelüsten und erteilt überdies Unterricht für geistig Minderbemittelte in Sachen: Pfui, wie bös ist doch der Krieg. Das hat auf diesem Niveau in der Staatsoper nichts verloren, verrät vor allem nichts vom eigentlichen Gehalt von Verdis Oper. Doch lenkt es davon ab, dass Pountney rein gar nichts zur Beleuchtung der menschlichen Schicksale beigetragen hat, um die es hier in Wahrheit geht. Dafür sind die Franziskanermönche – inklusive ihres kauzigen Bruders Melitone, dessen Satyrspiele Tiziano Bracci stimmlich schwächelnd und szenisch verraten verspielt – verkleidet wie die Hof-Eunuchen des Prinzen Saladin...
Wer rätseln mag, darf rätseln. Das Premierenpublikum rief lieber einhellig „Buh“.
Dirigent: Zubin Mehta, Regie: David Pountney, Bühne: Richard Hudson, Choreografie: Beate Vollack
Besetzung: Nina Stemme (Leonore), Salvatore Licitra (Alvaro), Carlos Álvarez (Don Carlos), Alastair Miles (Marchese/Pater Guardian), Nadia Krasteva (Preziosilla)Termine: 5., 8., 12., 15., 19. März
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2008)

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