Für ihr letztes Album, „Neon Golden“, bekamen sie den großen Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik. Es war 2002, und für die smarte Band aus Weilheim in Oberbayern bedeutete dieses Opus den internationalen Durchbruch. 150.000 verkaufte CDs und Tourneen bis in die USA waren die Folge. Danach verloren sich The Notwist in ihren zahlreichen Nebenprojekten, in Bands wie Tied & Tickle Trio, Lali Puna, John Soda und 13 & God. Erst 2006 begannen die Gebrüder Acher und ihr Hauselektroniker Martin Gretschmann, an Neuem zu feilen.
Nach zwei Jahren des gründlichen Tüftelns liegt nun „The Devil, You + Me“ vor, eine sanft tönende Songkollektion, die das Beste aus mehreren ästhetischen Sphären zusammenträgt. Kaum wo klingt die Verschränkung von Indie-Pop und Elektronik organischer als bei diesen Jungs aus der deutschen Provinz. Woher rührt solche Geschmeidigkeit, die uferlose Knistersounds und streng strukturierte Liedform auf sehr internationale Art verbindet? Bandleader Markus Acher im Gespräch mit der „Presse“: „Wir sind in erster Linie Fans, die auch Musik machen. Wir mögen amerikanische Bands, die alles wild durcheinandermischen, wie etwa Animal Collective. Viel Jazz, Dub und Elektronik, aber auch Singer/Songwriter wie Bonnie Prince Billy, Gillian Welch und Daniel Johnston. Für das internationale Publikum haben wir kurioserweise was spezifisch Deutsches. Nicht dieses ordnungsliebende Element, aber die Intensität unserer Beziehung zum Elektronischen kommt ihnen sehr deutsch vor.“
Nuancenfreie Jugendzimmerstimme
„Wir heißen The Notwist und freuen uns sehr“, begrüßte das auf ein Quintett angeschwollene Trio im Radiokulturhaus bei der FM4-Session und stürzte sich in eine eindringliche Version von „Pick Up The Phone“. Acher sang mit seiner berüchtigt nuancenfreien Jugendzimmerstimme, während der Rest der Truppe engagiert an Details feilte. Düstere Atmosphäre breitete sich aus, die karge Lyrik wies oft ins All. Woher dieses plötzliche Interesse am Extraterrestrischen, das neue Lieder wie „Gloomy Planet“, „Gravity“ und „Where In This World“ dominiert? „Ich finde es gut, wenn man sich mit einem Themenkomplex intensiver befasst“, erklärte Acher, „das war schon bei ,Neon Golden‘ so, wo es in erster Linie um Bewegung ging. Auf unserem neuen Album steht das Wechselspiel von Mikrokosmos und Makrokosmos, von Introvertiertheit und Expression im Fokus.“ Besonders eindringlich geriet dieses Flackern zwischen Stille und infernalischem Lärm in „I'm Telling You“, einem neuen Song, der allerdings nur in der i-Tunes-Version von „The Devil, You + Me“ erhältlich ist. Ein Kniefall vor den Downloadern, den Fressfeinden schön ausgearbeiteter CDs? Acher: „Irgendwie verändert sich alles, also prüfen wir neue Optionen. Dennoch haben wir unser neues Album als hochwertige CD geplant. Uns ist die Dramaturgie unserer Songs sehr wichtig. Wir wollen, dass die Menschen unsere Musik als Album hören. Es hat mich überrascht, mit welcher Geschwindigkeit heute Musik rezipiert wird. Unser Album war zunächst im Netz, und innerhalb weniger Stunden waren die Kommentare da, und dann ging es für sie ab zum nächsten Album. Diese Blogger sind mit viel Herzblut dabei, geben aber gleichzeitig der Musik keine Zeit.“
Genau die nehmen sich die Brüder Acher. Etwa für eine erstaunliche Art von Therapie. Da grinst dann auch der sonst so ernste Markus Acher: „Der große Traum meines Vaters war immer, eine Dixie-Band mit seinen beiden Söhnen zu haben. Das haben wir im gleichen Jahr wie Notwist angefangen. Dixieland ist eine Musik, die wir mögen, die aber auch sehr dienstleistungsmäßig funktioniert. Geburtstage, Ausfahrt mit dem Dampfer oder Biergarten – da ist die Dixieband gefragt. Für uns ist das ein guter Ausgleich zur Welt der Rockmusik. Bei Dixie gibt es keine Allüren und keine Selbstverwirklichung. Da geht es nur um laut und leise oder darum, mal eine Pause zu machen, weil das Essen kommt.
Radiotipp: Ausstrahlung der FM4-Radio-Session mit The Notwist am 5.Mai in der FM4-Homebase.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2008)

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