Was uns Mozart sagen wollte

Graz unter der Mozart-Klangwolke: Nikolaus Harnoncourts jüngstes, demnächst auch bei den Salzburger Festspielen realisiertes Projekt will Licht auf die undurchsichtige Kompositionsgeschichte der letzten Symphonien werfen.

 Harnoncourt 25 Jahre styriarte
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 Harnoncourt 25 Jahre styriarte
(c) ORF

Die „Klangwolke“ ist zwar eine Erfindung aus Linz und war über lange Jahre der akustischen Verbreitung Bruckner'scher Symphonien am Donauufer gewidmet. Doch bittet man nun seit mittlerweile acht Jahren auch schon in der steirischen Landeshauptstadt zur Freiluftbeschallung. Wie zuletzt schon mehrmals ist auch heuer Nikolaus Harnoncourt, die große Galionsfigur des Festivals Styriarte, wieder der Dirigent.

Diesmal heißt es Mozart mal drei. Die letzten Symphonien des Komponisten, in Es-Dur, g-Moll und C-Dur, stehen auf dem Programm. Sie sind seit ihrer Entstehung geheimnisumwittert. Denn anders als bei den meisten Instrumentalwerken Mozarts weiß man im Fall dieser Stücke nicht, für welchen Anlass sie komponiert wurden; ja nicht einmal, ob sie überhaupt einen bestimmten Zweck erfüllen sollten.

Zwar halten es viele Forscher für höchst unwahrscheinlich, dass Mozart in seinen letzten Lebensjahren drei so umfangreiche Werke ausschließlich zum eigenen Vergnügen zu Papier gebracht haben könnte. Doch ist weder ein Auftrag erhalten, noch sind Aufführungen der drei Stücke zu Mozarts Lebzeiten nachzuweisen. Nun hat Nikolaus Harnoncourt eine ganz eigene Theorie zu dieser Symphonien-Trias.

 

Ein Oratorium aus Symphonien

„Für mich ist das längst nicht mehr eine Hypothese“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“, „auch wenn ich weiß, dass sich schon alle darauf vorbereiten, mich dafür wieder kräftig zu prügeln. Vor 20 Jahren war es vielleicht eine Hypothese, heute ist es viel mehr“, ist sich der weltweit gefeierte Mozart-Interpret sicher: Die drei Symphonien seien nicht einfach drei zufällig hintereinander komponierte Werke derselben Gattung, sie gehören eng zusammen, bilden sozusagen ein „symphonisches Oratorium“.

Als solches will Harnoncourt sein Projekt verstanden wissen. „Ich stecke da im Moment ganz tief drinnen“, erläutert er, „auch wenn mich jetzt der Purcell gerade wieder beinahe verzaubert hat.“ Die Aufführungen der „Fairy Queen“ des englischen Barockmeisters markierten den Beginn der heurigen Styriarte. Das Mozart-„Oratorium“ soll nach Graz auch bei den Salzburger Festspielen und zwar stilecht im Rahmen der Woche geistlicher Musik namens „Ouverture spirtuelle“ erklingen.

Die inneren Zusammenhänge der drei Symphonien erläutert Nikolaus Harnoncourt gewohnt bildhaft und mit gewohnter Verve. Seit einem halben Jahrhundert beschäftigt er sich mit Mozart und nähert sich dem Meister mit dem ihm eigenen Widerspruchsgeist: „Ich finde es wahnsinnig interessant, etwas nicht mit den Augen der Fachliteratur zu betrachten. Ich lese etwas und denke mir zuerst einmal immer: Das stimmt sicher nicht. Alle schreiben zum Beispiel über die Armut Mozarts. Dann liest einer die Mozart-Briefe, der kein Musikwissenschaftler ist, sondern Psychologe und Philosoph – und der sagt mir: Die sogenannten Bettelbriefe an den Gläubiger Puchberg hätten überhaupt nichts zu tun mit Armut.“

 

Irrtümer der Forschung

„Die Mozart-Forschung spricht da immer von einer ausweglosen Lage des Komponisten. Ich weiß heute, dass das gar nicht stimmt.“ Ähnlich kritisch wie an biografische Details geht Harnoncourt an die Stilfrage heran. „Das hat bei mir angefangen in der Nachkriegszeit, als man Mozart-Symphonien alle nur ,auf heiter‘ gespielt hat, sogar die in g-Moll. Das scheint mir aus der damaligen Situation heraus auch verzeihlich. Die Leute sind nach dem Krieg ins Konzert gegangen, um Schönheit und Heiterkeit zu tanken. Auch ein Karl Böhm hat nix G'scheiteres gewusst und es so gemacht. Heute muss man sich aber fragen: Was sagen uns die Sachen wirklich?“

 

Existenzielle Fragen in Tönen

Fragen will also auch dieses Mozart-„Oratorien“-Projekt aufwerfen; auch Fragen existenzieller Natur. Musikalische Beleuchtungen durch den Interpreten können vielleicht Antworten geben. „Wenn wir die drei Symphonien als Einheit betrachten, dann sehen wir: Es gibt in diesem Zyklus nur einen Anfang und nur ein Ende. Die Es-Dur-Symphonie hört außerdem nicht wirklich auf – der Anfang der g-Moll-Symphonie kann daraus richtig hervorwachsen. So spielen wir das mit dem Concentus musicus auch.“

Tatsächlich beginnt KV 543 mit einer veritablen Ouverture französischen Stils wie die „Zauberflöte“ – und KV 551, die sogenannte „Jupitersymphonie“ endet mit einer gigantischen kontrapunktischen Konstruktion, einem Fugen-Finale, das barocke Formen noch einmal neu zu definieren scheint.

Das hat tatsächlich viel mit den ebenfalls aus der Barockzeit in die Wiener Klassik herübergeretteten Oratorien (etwa Joseph Haydns lang nach Mozarts Tod komponierter „Schöpfung“, mit der die Salzburger Festspiele heuer wieder beginnen, oder den „Jahreszeiten“, die Nikolaus Harnoncourt jüngst wieder im Wiener Musikverein dirigiert hat) zu tun...

DAS EXPERIMENT

Nikolaus Harnoncourt dirigiert Mozarts Symphonien KV 543, 550 und 551 im Stefaniensaal in Graz am 5. und 7. Juli, danach auch bei den Salzburger Festspielen am 21. Juli im Großen Festspielhaus (Beginn jeweils 19.30 Uhr).

ORF III sendet heute, Samstag, live zeitversetzt ab 21 Uhr. Radio Steiermark sendet bereits ab 20.04 Uhr ein Making-of und berichtet von den verschiedenen Orten der „Klangwolke“, wo das Konzert live unter freiem Himmel zu hören sein wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2014)

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