Heftige Aufregung gab es um die Neuinszenierung des "Don Giovanni" im kleinen Salzburger Festspielhaus. Das seit dem Umbau akustisch möglicherweise noch problematischer gewordene angebliche „Haus für Mozart" wurde Schauplatz einer kontroversiellen Dekomposition von Lorenzo da Pontes Text durch Claus Guth, den klugen Dreimal-ums-Eck-Denker. Ihm genügt die vom Librettisten vorgezeichnete Verfallslinie des scheiternden Menschen- und Gottesverächters nicht. Er schärft die Dramaturgie, indem er das Sterben des Don Juan an der Rache des Komturs über einen Kunstgriff auf dreieinhalb Stunden verlängert.
Statt fünfminütiger Höllenfahrt krepiert der Held an den Folgen eines Pistolenschusses, den ihm der Komtur gleich zu Beginn der Oper gleichsam als Revanche für den tödlichen Streich, der ihn eben getroffen hat, beibringt.
Der Prozeß spielt sich jenseits der Zivilisation ab, die Menschen sind zu Waldgängern geworden. Das Animalisches der Prozedur wird dadurch überdeutlich. Zwar ermüdet der Blick in Schristian Schmidts Nadelwald-Szenerie bald. Doch das gehört wohl zum Konzept. Aus dem virilen Frauenhelden ist eine mehr und mehr in sich zusammensackende Leidensgestalt geworden. Das ewig Weibliche zieht ihn nicht mehr hinan, von erotischen Eroberungen träumt er, deliriert vielleicht. Wo er sich an jungen Dame vergreift, sehen diese das zwar nach wie vor gern - doch wiederholt sich in dem Drama die Zurückweisung, sobald der Charmeur zur Sache kommen möchte, in bemerkenswerten Parallel-Aktionen. Zerlinas Hilferufe im Finale I nehmen sich auffallend ähnlich denen der Donna Anna am Beginn der Oper aus.
Anna ist von Claus Guths Gnaden vor allem deshalb hasserfüllt, weil sie erkennen muss, dass der, der sie zu verführen trachtete, schon zuvor und beinah zur gleichen Zeit etlichen anderen Frauenzimmern hold war und ist. Den ficht all das gar nicht mehr an, er fühlt, dass seine Uhr abgelaufen ist. Hie und da versucht er sich hochzureißen, doch ziemt ihm eher, wie ein waidwundes Reh einen einsamen Platz zum Sterben zu suchen, als ein Festbankett auszurichten - Leporello macht ihm die Freude, und inszeniert ein bescheidenes Diner aus dem Plastiksackerl, ein Baumstupf dient als Festtafel. Im Hintergrund schaufelt der Komtur zu Stentortöen Anatoli Kotschergas bereits das Grab für den Widersacher.
Ob derlei verfremdete, doch theatralisch schlüssig durchgezogene Deutung dem „Don Giovanni" gerecht wird, ob zuviel vom Zauber des Barocktheaters, aus dem der Stoff stammt, dabei verloren gegangen ist, darüber gehen die Diskussionswogen in den Salzburger Foyers hoch. Sicher ist, dass Guth seine Protagonisten in höchst professioneller Manier über die Bühne, diesfalls den Waldboden bewegt, subtil zueinander und wieder voneinander weg führt, den unglaublich athletischen Leporello des Erwin Schrott hetzt er sogar eichhörnchengleich über das Geäst der Bäume. Das junge Ensemble hält dabei mühelos mit, verstärkt die Wirkung noch durch den vielfach aufgefächerten Ton, der in dieser auch musikalisch liebevoll einstudierten Produktion schon bei den Rezitativen herrscht. Felice Venanzoni am Hammerklavier und Tamas Varga am Cello breiten das jenseits des üblichen, fantasielosen Akkordgeschrummes eine ganze Welt an feinst abgestuften Klängen, vom kaum hörbaren Einzelton bis zum raunenden Tremolo aus, um die Stimmen bei ihren oft nur gehauchten Flüstertönen, Weh- und Angstlauten pittoresk zu unterstützen.
Die Philharmoniker, in exquisiter Spiellaune, setzten das in den orchestralen Nummern sensationell differenziert fort. Bertrand de Billy am Pult läßt vom ersten, imposanten d-Moll-Akkord an keinen Zweifel, wer am Abend tatsächlich Regie führt. Alle Macht geht vom Pult aus, die Fäden, akustisch geknüpft, laufen dort zusammen. Was die Holzbläser in diesem „Giovanni" an differenziertem, beredtem Spiel hören lassen, gehört zu den stärksten Mozart-Eindrücken, die man in Salzburger Festspielsommern der jüngeren Geschichte verzeichnen durfte.
Dass das nicht alle im Saal hören - auch für den Dirigenten gab es zuletzt Widerspruch - muss man zur Kenntnis nehmen. Ein „Giovanni" im finstern Wald verärgert manchen Salzburg-Pilger wohl bis zur Verweigerung der akustischen Aufmerksamkeit.
Dabei waren auch exzellente Gesangsleistungen zu registrieren, jene von Erwin Schrott zumal, dessen vokale Beweglichkeit der optischen nicht nachsteht, ein stimmlicher Kraftlackel mit Sinn für sensible Zwischentöne. Wiedererstarkt scheint Dorothea Röschmann, die den Part der Elvira bis zu den weitausholenden Kantilenen der „Mi tradi"-Arie ausdrucksvoll und mit Leuchtkraft absolviert. Mit sympathisch hellem Sopran stellt sich Elkaterina Siurina als Zerlina vor und Alex Esposito tönt luxuriös vollstimmig als Masetto.
Nicht den allerbesten Tag hat allerdings Annette Dasch zur Premiere erwischt. Ihre Donna Anna klingt ein wenig nach verfrühtem Griff in dramatische Ausdruckswelten, für deren Eroberung sie sich vielleicht noch Zeit lassen sollte. Christopher Maltmans Giovanni ist wohl als Gesamtkunstwerk zu verstehen: Er hat sich mit Haut, Haar und Stimme dem Inszenierungskonzept eines langsamen Decrescendos verschrieben - sein Ständchen singt er dennoch mit berückender Phrasierungskultur, beinah so kultiviert wie der phänomenale junge Tenor Matthew Polenzani, der Ottavios G-Dur-Arie in schwebendem Piano und mit höchst raffinierten Auszierungen singt.
Die Tischgespräche hernach drehten sich freilich um die Frage, was Don Juan im Wald zu erjagen hätte - und ließen die Ahnung reifen, dass die Nixe Rusalka demnächst vielleicht im freundschaftlichem Schlagabtausch in Sevilla auftauchen könnte ...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2008)

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