Zischen, Gurren, Atmen, Jaulen im Konzerthaus

Neuer Zyklus „Nouvelles Aventures“: große Werke, klein besetzt.

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XENAKIS – (c) AP (MICHEL LIPCHITZ)

Das Violoncello schabte vehement über die Saiten, die Klarinette kreischte auf – und schon war man mittendrin: in den Extremen von Iannis Xenakis' „Charisma“ ebenso wie in einem höchst abwechslungsreichen, packenden Konzertabend. Verblüffend, wie die hier vorgestellte Musik der letzten 60 Jahre fast durchwegs weit davon entfernt war, „gealtert“ zu wirken, wie sich ihre Ausdruckskraft und auch Schönheit nach wie vor aus dem Unerwarteten, Ungewöhnlichen speiste. „Nouvelles Aventures“ heißt (in Anspielung auf György Ligeti) der reichhaltige Zyklus, mit dem das Wiener Konzerthaus das Verlangen nach raren Werken von der klassischen Moderne bis hin zum 21.Jahrhundert in beziehungsreichen Programmen und prominenten Besetzungen stillt. Zum Auftakt am Samstag spielte im Mozartsaal das großartige „œnm“ („österreichisches ensemble für neue musik“), dessen Wandlungsfähigkeit in so unterschiedlichen Stücken wie den teils überraschend jazzig anmutenden Fünf Etüden Sofia Gubaidulinas und Franco Donatonis glitzernd sich entfaltendem Sextett „Lumen“ zu erleben war.

 

Klug: Anna Maria Pammer

Im Verein mit der klugen, mit allen stilistischen Wassern gewaschenen Anna Maria Pammer faszinierten freilich besonders die Werke mit Stimme. Zischen, Seufzen, Gurren in einer Auswahl aus Mathias Spahlingers „128 erfüllten augenblicken“, vor allem aber Atmen, Schnalzen, Jaulen und hektisch hervorgestoßene Textfragmente, die gegen Ende von Helmut Lachenmanns berühmtem „temA“ (1968) zu stummen Grimassen gerinnen: Die Sopranistin erfüllte all das mit derselben poetischen Konzentration wie die enigmatischen Melodien, die Luciano Berio in seiner „Chamber Music“ von Klarinette, Cello und Harfe umranken lässt. Große Begeisterung.

Die Fortsetzung der „Nouvelles Aventures“ folgt am 2.November in Kooperation mit „Wien Modern“: Da spielt das SWR-Sinfonieorchester unter Francois-Xavier Roth u. a. gemeinsam mit einem halben Dutzend Pianisten das Konzert „limited approximations“ für sechs Klaviere im Zwölfteltonabstand von Georg Friedrich Haas, dem zeitgenössischen Meister des immer kleiner werdenden Übergangs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2014)

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