31.07.2010 22:00 | Meine Presse Merkliste0

Staatsoper: "Faust" mit Alagna und Gheorghiu als Konzert

12.10.2008 | 11:47 |  Von Wilhelm Sinkovicz (DiePresse.com)

Dirigent Bertrand de Billy sorgt dafür, dass Gounods Goethe-Oper trotz szenischem Totalausfall zum musikalischen Fest wird.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Eine Art philharmonisches Konzert findet in der Wiener Staatsoper unter dem Titel „Faust" statt. Dass es sich bei der Vorstellung am vergangenen Samstag um eine Premiere handelte, war einzig der Qualität der musikalischen Leistungen zu entnehmen. Die allerdings waren von Weltklasse-Format. Wohl kaum ein anderes Orchester ist wohl imstande, eine romantische Partitur so mit Leben zu erfüllen wie jenes der Wiener Staatsoper, wenn es in Geberlaune ist wie diesmal.
Bertrand de Billy am Pult dechiffriert Gounods „Faust"-Musik fernab jeglicher kitschiger Klassiker-Verballhornung, die man diesem Komponisten in deutschsprachigen Landen gern unterstellt. Vor jenem Gounod, dessen Musik diesmal erklang, muss man Goethe keineswegs beschützen. Das auf den faustischen Jugendwahn reduzierte Libretto gibt der Musik Gelegenheit, alle nötigen Stimmungen zu evozieren, aber auch die psychologischen Vorgänge zum Klingen zu bringen. De Billys Engagement zaubert Farbenvielfalt und beredte Klangbilder aus dem Orchester wie dem endlich einmal wirklich kraftvoll und agil agierenden Staatsopernchor.
Das sorgt für knisternde Spannung en gros und im Detail. Die Steigerung der Walzer-Szene gerät fulminant, die geradezu impressionistischen Stimmungsnuancen in Margarethes kurzer, sehnsuchtsvoller Szene unmittelbar vor dem Schluss-Tableau des dritten Akts, aber auch das entzweiende Final-Duett geraten ekstatisch - auch und gerade dort, wo subtile Pianissimi beschworen werden.


Musikalische Noblesse

Solch musikalischen Höhenflug vokal aufzunehmen, ist nicht leicht, doch kann aus dem Wiener Ensemble immerhin Adrian Eröd wieder einmal einen enormen Publikums-Erfolg verbuchen: Er singt den Valentin mit schlanker, schön geführter Stimme und wohldosierten Energie-Schüben in der eifernden Auseinandersetzung mit dem Titelhelden. Solche Noblesse passt stilistisch wohl besser zur französischen Operntradition als jene dickflüssigere Tonproduktion, die hierzulande gepflegt wurde, als „Margarethe" noch eher als mehrfach unterbrochenes Wunschkonzert denn als sorgfältig modelliertes Gesamtkunstwerk firmierte.
Robert Alagna Faust lässt schon in der Greisenmaske ahnen, wieviel bubenhafter Charme und energetisches Potenzial in ihm schlummern. Wachgerufen, bündeln sich die Kräfte zu draufgängerischer Verve. Mag das hohe C in der Cavatine nicht ganz so strahlend klingen wie im vorausgegangenen Akt die Liebeserklärung an Gretchen, so krönt es doch, ehrlich aus der Brust gesungen, eine makellos phrasierte Gesangsleistung mit großem Aplomb.
Angela Gheorghiu hat ihrem Partner die höhere Flexibilität voraus: Mit stupendem Modulations-Reichtum wechselt sie von den gedeckten Farben der Ballade zum silberhellen, quicklebendigen Jeu perlé der Juwelenarie. Optisch bleibt sie eine Primadonna, die zu ihren Auftritten standesbewusst einherschwebt, um hie und da kleine gestische Andeutungen fallen zu lassen, die nicht ahnen lassen, wen diese Künstlerin, die so außergewöhnlich die Margarethe singt, in ihrer parallel ablaufenden Scharade darstellen möchte. Carmen vielleicht - in einer zu deftig geratenen Inszenierung?
Das eklatante Fehlen jeglicher Personenführung, durch die Erkrankung des Regisseurs erklärt, nicht entschuldigt, reduziert die musikalisch so bemerkenswerte Premiere zum notdürftigen Bühnenarrangement.


Jegliche Regie fehlt

Dass man mit Kwangchul Youn einen Mephisto von ungewöhnlich belkanteskem Zuschnitt gefunden hat, der statt des üblichen Dauerfortissimos mit leisen, ungemein differenzieren Tönen zu behexen weiß - und in der Szene im Dom geradezu beängstigend gefährlich zu werden versteht - das erklärt sich aus dem orchestralen Reichtum, findet im armseligen szenischen Arrangement aber nicht die kleinste Entsprechung. Da bleiben nur nette Episoden mit Bühnentalenten wie Janina Baechle (Marthe) und Michaela Selinger, die für den Siebel ihren Mezzo allerdings in allzu hohe Höhen treiben muss. Gefährlich - aber das nur am Rande; der Rest ist, wie schon gesagt, als Konzert von erster Qualität.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentar BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

8 Kommentare
Gast: lohengrin
13.10.2008 14:00
0 0

War es zu zeitgenössisch?

Ich kann diesen Sin nicht mehr lesen! Das ist nun bereits das x-te Mal, dass er einem Regisseur sein Handwerk/ seine Kunst abspricht. Vielleicht sollte er sich einmal ein wenig in theaterteoretische Aspekte einlesen - und uns dann eine lesenswerte Begründung für seine Absprache wissen lassen. Oder einfach gehen.

Gast: Fred Keller
13.10.2008 09:56
0 0

man nenne Namen bitte.....

gerne wüsste ich vom Vorschreiber hier wer denn einen geeigneteren Faust heute, 2008, am mageren Markt abgeben würde.
Herr Alagna hatte die Noten und dazu noch Phrasierung und Eleganz im Vortrag. - Die hier lang und breit aufgelistete Scala Geschichte ist nun Schnee von gestern.

walterkunz
13.10.2008 11:37
0 0

Namen

Vielleicht wären M. Alvarez, Vargas oder Villazon gute Interpreten des Faust - wenn Sie sich in stimmlich sehr guter Form befinden, ich habe die ersten beiden schon lange nicht mehr gehört.
Auch wenn Alagnas Stimme schon recht breit geworden ist (Radames lässt grüßen!), ich finde vor allem sein Timbre speziell fürs französische Fach besonders reizvoll. Und wenn das C kein C war, was ist schon ein einziger, wenn auch wichtiger Ton gegen die gesamte Gesangslinie?

Antworten Antworten Gast: melomane
13.10.2008 17:59
0 0

Namen

Wenn man auf das hohe "C" in der Cavatine wert legt - und das sollte man an der Wiener Staatsoper tun - kommen neben Marcello Alvarez und Salvatore Fisichella heute nur mehr Piotr Beczala u Giuseppe Filianoti infrage. Der Pole wird den Faust ja nächstes Jahr in Wien singen. Villazon und Vargas haben sich schon seit einiger Zeit vom hohen "C" verabschiedet und scheiden damit als Idealinterpreten dieser Rolle aus! Josè Bros und Gregory Kunde könnten die Rolle zweifellos gut singen, haben sie aber möglicherweise nicht im Repertoire.
Alagna ist leider nicht mehr im Besitz eines strahlenden hohen "C", welches er "do di petto" effektvoll plazieren kann. Schmelz ist ebenfalls kaum mehr vorhanden. Aber offensichtlich genügt es weiten Publikumsteilen und den Kritikern, wenn der Künstler ein Rad schlägt und gut aussieht. Stimme und Tongebung sind dann wohl sekundär.....
Es hat auch offensichtlich niemanden interessiert, daß man wieder einmal die wunderschöne Ballettmusik gestrichen hat.

Nicht allein auf weiter Flur

Verstärkend kam hinzu, dass weder Angela Gheorghiu noch Roberto Alagna eine detaillierte charakterliche Ausdifferenzierung ihrer Rollen erkennen ließen.
...
Es verwundert nicht, dass der Verführer, der magie- und liebebesessene Faust, einem solch deutlich zur Schau getragenen weiblichen Selbstverständnis nichts entgegensetzen wollte. Faust ließ (!) sich verführen, könnte man überspitzt formulieren – und hätte Mephisto derart beinahe zum überflüssigen Handlager degradiert. Außerdem bewegte sich Roberto Alagna viel zu deutlich in den Grenzen, die ihm seine Stimme auferlegte – und diese Stimme klang nicht immer sehr frisch, vor allem in der unteren Mittellage. Die Höhen wurden stark forciert, aber erreicht. Immerhin zeigte sich Alagna sportlich: als verjüngter Faust schlug er sogar ein Rad auf der Bühne. Gesanglich ließ er sich zu solchen Eskapaden nicht hinreißen, hier war er ganz Ökonom, kluger Verwalter seiner Ressourcen.
„Konzertant, aber mit Kostüm“
(Dominik Troger)


0 0

Margarete

Wien wird mit der französischen Oper wohl nie warm werden, schon gar nicht nach einer Premiere wie dieser. Das melodische Werk, praktisch nicht inszeniert in öden schwarz-weiß-grauen Kostümen, wird auf der Bühne auch durch die fantastische Orchesterleistung nicht gerettet. Das Protagonistenpaar genießt zwar Kultstatus, der gute Roberto hat nun aber einmal kein hohes C mehr drauf. Auch wenn er das voriges Jahr in Mailand nicht wahrhaben wollte!
Schade!

0 0

Alagna 1

Abgang von der Bühne der Scala

Bei der Eröffnung der Scala im Dezember 2006 sang Robert Alagna den Radames in Aida u verließ bei der 2. Vorstellung nach seiner Arie die Bühne. Der Skandal war perfekt u beschäftigte tagelang die Medien.
"Die Scala ist ein wunderbares Theater und ich habe dort sehr viel gesungen. Dann gab es den Direktionswechsel. Man wollte nicht mehr Riccardo Muti, sondern setzte Lissner ein. Nach 10 Jahren Abwesenheit v Mailand, da ich mich mit Muti nicht verstanden hatte, sollte ich den Radames singen. Die Proben verliefen sehr gut, aber es gab immer wieder schon im Vorfeld Drohanrufe. Das hatte auch mit dem politischen Wechsel in der Regierung Italiens zu tun. Alle wußten also, dass irgendetwas passieren würde. Bei der Premiere wollte ein Teil des Publikums zeigen, daß die neue Direktion nicht so gut sei wie die alte unter Muti u wollte mich ausbuhen, wenn ich eine Schwäche zeigen sollte. Das gelang ihnen aber nicht, denn ich zeigte keine Schwäche."

0 0

Re: Alagna 2

In der 2.Vorstellung habe man schon Buh-Rufe vernommen, noch ehe Alagna den Mund aufgemacht habe: "Nach der Arie gab es Applaus u auch Buhs. Dann habe ich einen Moment der Unterzuckerung gehabt, denn ich leide unter Diabetes. Ich wollte v d Bühne gehen, um etwas dagegen zu unternehmen. Da gab es Mißfallenskundgebungen im Publikum. Eigentlich wollte ich draußen ein Glas Zuckerwasser trinken u wieder hinausgehen u weitermachen, aber d Direktion geriet in Panik u schickte sofort einen Ersatz-Radames auf d Bühne, niemand kümmerte sich um mich u ich war d Buhmann. Ich glaube, das war alles vorbereitet, aber d Publikum war eigentlich nicht gegen mich, sondern wollte d Direktion Lissner einen Denkzettel verpassen. Aber warum beleidigt man einen Künstler, der auf der Bühne sein Bestes gibt in einer derartigen Weise?"

http://oe1.orf.at/highlights/109734.html

Aus persönlicher Wahrnehmung am 5.1.2007 kann ich sagen, daß der Cover-Radames gut war! Meines Erinnerns war es aber ein Dritter!

Sinkothek