Wo sind sie heute, die Kriege, deren Generalstabspläne durch spontane Liebe zwischen den verfeindeten Parteien empfindlich gestört und schließlich sogar glücklich beendet werden? In „Ercole sul Termodonte“ zieht Herkules an der Spitze eines griechischen Heeres gegen die Amazonen zu Felde, doch gleich drei seiner Soldaten verlieben sich in allerdings nur zwei der streitbaren Damen: Zusammen mit allerlei imposantem Schlachtengetümmel mit donnernden Pauken und schmetternden Hörnern ergibt das drei Stunden lang Anlass für zahlreiche Arien zwischen polternder Kraft, erregter Schärfe und schmeichelnder Lyrik.
1723 in Rom glanzvoll uraufgeführt, galt Antonio Vivaldis „Ercole“ freilich lange als verloren, weil keine vollständige Partitur erhalten war. Erst in jüngster Zeit führte die Wiederentdeckung einer ganzen Reihe von Arien und zweier Duette zu Versuchen, die Oper neu zusammenzusetzen, wobei verlorene Rezitative ergänzt wurden. Fabio Biondis Version (sie wird in zum Teil veränderter Besetzung auch auf CD erscheinen) riss unter seiner Leitung, mit seinem Ensemble Europa Galante und in den Amazonenchören mit den Damen des Concentus Vocalis das Resonanzen-Publikum im Wiener Konzerthaus jedenfalls zu stürmischer Begeisterung hin.
Klare Charaktere
Mochte Vivaldi auch umständehalber massive Anleihen bei früheren Werken genommen haben, waren sein Arien-Pool und sein Modifikationsgeschick doch so groß, dass auch die Charaktere in „Ercole“ ihre klare, eigene Kontur erlangen. Auf Seite der Griechen suhlte sich etwa Romina Basso (Teseo) in aufregend pastosen Altklängen oder schmeichelte Countertenor-Star Philippe Jaroussky (Alceste) mit ätherischer Attitüde, während die Amazonen Vivica Genaux (Antiope) und auch Emanuela Galli (Orizia) furios zürnten, aber in Gestalt von Roberta Invernizzi (Ippolita) auch feinsten Naturstimmungen nachspürten.
Wacker, doch nicht ganz auf dem gleichen Niveau: Stefanie Irányi (Martesia), Filippo Adami (Telamone) und Carlo Allemano als stückbedingt etwas im Hintergrund stehender Titelheld.