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Staatsoper: Warten auf den Wahnsinn

15.03.2009 | 18:14 |  WALTER WEIDRINGER (Die Presse)

„Lucia di Lammermoor“: Ein sehr gutes Ensemble mit Anna Netrebko inmitten macht die Vorstellung zum Feiertag im Repertoire. Die Sensation bleibt aus.

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Was wurde auf die Werbetrommel eingedroschen! Anna Netrebko erstmals wieder in Wien und als Donizettis „Lucia di Lammermoor“, die Wahnsinnsarie nun endlich mit Glasharmonika, zusätzlicher Musik, in den wesentlichen Partien lauter Debüts.

In der Tat hat es im Haus am Ring so viel „Lucia“ noch nie gegeben: War da in der Vergangenheit nicht einmal das „Turmbild“ obligatorisch, die Konfrontation von Tenor und Bariton am Beginn des 3. Aktes, gab man diesmal auch die Szene von Sopran und Bass vor dem zweiten Finale – oder besser gesagt: einen größeren Teil davon. Denn hier ebenso wie in den wohlbekannten Teilen der Oper hat die Aufführungstradition allerorten so viele und zum Teil entstellende Kürzungen eingebürgert, dass die ganze „Lucia“ wohl nur auf CD zu hören ist.

Den Strich aufzumachen entpuppt sich freilich als dramaturgischer Gewinn: Erst der ehrenwerte, wohlmeinende Raimondo kann die verwirrte Lucia von der vermeintlichen Untreue Edgardos überzeugen, weshalb sie desto glaubwürdiger in die Ehe mit dem ungeliebten Arturo einwilligt. Bei Anna Netrebko wird diese Wende zum äußerlich unspektakulären, aber expressiven Höhepunkt: vergleichsweise unscheinbare Pianophrasen, die weit abseits hoher Töne und virtuosen Glanzes doch vom brennenden Schmerz eines gebrochenen Herzens künden. Es war einer jener raren Momente der Aufführung, an dem sich Netrebkos vokale und darstellerische Kräfte wirklich verbinden und potenzieren konnten. Denn sonst lag ihr Ausdruck mehr im Szenischen als im zwar gut differenzierten, aber dennoch gleichförmigen Gesang.

 

Die Unsicherheit des hohen Es

Nun sind ja im Belcanto-Repertoire weder Tonarten noch Spitzentöne in Stein gemeißelt, wie Aficionados wissen: „Casta diva“ im originalen G-Dur bleibt etwa auch bei den berühmtesten Normas eine Ausnahme, und Lucias „Il dolce suono“ stünde eigentlich gleichfalls einen Ganzton höher (F-Dur). Doch auch für die traditionelle, transponierte Fassung gilt: Das gefürchtete, weil grausam nackte hohe Es am Ende der (ja gar nicht von Donizetti stammenden) Kadenz war von Callas bis Gruberová stets eine Frage der Tagesverfassung.

Doch nicht die Sicherheit des hohen Es fehlt Netrebko für die Partie am meisten (immerhin wagt sie den Ton am Ende, nach etlichen hohen C und D im Laufe des Abends), sondern der letzte, aber entscheidende technische Schliff: Triller kann sie nur andeuten, bei raschen Läufen aspiriert sie zwar nicht, hinkt aber dennoch hinterher, bleibt mit ihrem gewiss reichen, dunklen Rotwein-Timbre um eine Nuance zu schwer, wo, sagen wir, Champagner prickeln sollte.

Staunen und Entsetzen, Jammern und Schaudern durchlebt das Publikum deshalb nicht bei Netrebkos Wahnsinnsszene: Der stärkste, der bleibende musikalische Eindruck geht von jener wahrlich überirdischen „armonia celeste“ aus, die Alexander Marguerre mit seiner Glasharmonika verströmt, damit Donizettis Vorstellungen endlich auch im Haus am Ring Genüge tut – und auch in der üblichen Kadenz die Rolle der Flöte übernimmt.

 

Die ganze „Lucia“ war das nicht

Die ganze „Lucia“: das wäre aber auch jener durch puren Gesang erzeugte Ausnahmezustand, in dem das Publikum gleichsam zu atmen vergisst – weil es eine körperliche Ahnung jenes Wahnsinns verspürt, dem Donizetti, ein Opfer der gerade in Theaterkreisen grassierenden Syphilis, schließlich selbst anheim fiel. Keine Spur davon diesmal: Wo Netrebko rührt, als Liebende, Verzweifelte, schließlich Irrsinnige, da tut sie es nicht durch ihre Stimme, sondern gleichsam neben dieser.

Dafür aber viel kapellmeisterliche Sorgfalt von Marco Armiliato am Pult des konzentrierten Orchesters, ein wackerer Chor – und ein gut zusammengestelltes, bemerkenswertes Ensemble: Tenorhoffnung Giuseppe Filianoti weiß außerordentlich weite Phrasen zu spinnen und singt den Edgardo einfühlsam, für mein Stilempfinden nur etwas dramatischer als nötig und wünschenswert, George Petean ist ein vokal sauber agierender, nobler Enrico, Stefan Kocán ein ordentlicher, hier aufgewerteter Raimondo, während Marian Talaba als Lucias Kurzzeitgatte Arturo, eine wahrlich undankbare Partie, auch sängerisch eher glücklos bleibt.

Das Publikum reagierte begeistert, aber nicht frenetisch – also gerecht. Auf diesem Niveau wünschte man sich das Staatsopern-Repertoire immer!

„Lucia“ in der Staatsoper

„Lucia di Lammermoor“ steht in der Wiener Staatsoper noch am 17., 21. und 24. März auf dem Programm

Anna Netrebko singt die Titelpartie. Ihr zur Seite: Giuseppe Filianoti als Edgar Ravenswood und George Petean als Lord Henry Ashton. Dirigent: Marco Armiliato.

Als Verdis „Traviata“ wird Anna Netrebko am 4., 7. und 11. Mai zu hören sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2009)

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19 Kommentare
Gast: fr. sch ...
18.03.2009 10:55
0 0

Ich erkenne hier an meiner Angelegenheit

keinen Zusammenhang zu musikwissenschaftlichen Theorien und erwarte mir nun, von gewissen Leuten in Ruhe gelassen zu werden. Keine quasi zufälligen Begegnungen, bitte!

Vielen Dank für Ihre Rücksichtnahme!

Mißbrauchen lasse ich mich hier zu nichts!

Gast: operalover
15.03.2009 18:59
0 0

Wo sind die Kommentare ?

Wo sind die restlcihen Kommentare plötzlich ?

Gast: Alter Opernfreund
14.03.2009 16:09
0 0

Beide Neuheiten für die Staatoper

Glasharmonika und erwähntes Duett gab es schon erfolgreich am Opernhais in Graz.

Gast: Alter Opernfreund
14.03.2009 13:34
0 0

Glasharmonika in "Lucia di Lammermoor"

war am Grazer Opernhaus in diesem Jahrhundert erstmals zu hören, das Duett Lucia-Raimondo schon im vorigen.

Antworten Gast: willi
18.03.2009 12:22
0 0

Re: Glasharmonika in

Die Szene des Raimondo im 2. Akt war in Wien schon im 19. Jahrhundert (ganz genau erstmals 1846) zu hören.

Antworten Antworten Gast: Alter Opernfreund
21.03.2009 10:44
0 0

Re: Re: Ohne Glasharmonika

Wiener Erstaufführung war am 13. April 1837,
es war dies die deutschsprachige Erstaufführung der "Lucia von Lammermoor".

Antworten Antworten Antworten Gast: willi
21.03.2009 14:08
0 0

Re: Re: Re: Ohne Glasharmonika

1837 ohne Szene des Raimondo, diese erst 1846...

Antworten Antworten Gast: Alter Opernfreund
20.03.2009 16:48
0 0

Re: Re: Glasharmonika

Das Grazer Opernhaus ist als "Stadttheater" 1899 fertiggebaut worden. Erste Opernaufführung: "Lohengrin" Sonntag den 17. September 1899

Gast: Operalover
14.03.2009 08:09
0 0

Lucia ohne Koloraturen ?

Lieber Herr Sinkovicz! Tatsache ist, dass Donizetti kein hohes Es notiert hat, sondern eine Oktave darunter mit einer Fermate versehen. Und wer sich in der Musikgeschichte auskennt, weiss, wie die gängige Praxis damals war und jetzt noch sein sollte bzw. ist ! Gute Sängerinnen singen eine eigene Version - Denken Sie in Wien an Gruberova, Anderson und Co. Die Sache mit Frau Netrebko ist ein billiger PR Gag. Wie verkaufe ich eine Sängerin, die im falschen Fach singt? Indem ich versuche, Musikgeschichte umzuschreiben? Für Laien und Netrebkofans ok - für einen, der Musik studiert hat: unverzeihlich. Was soll denn das ?

Antworten Gast: sinkovicz
15.03.2009 23:57
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Re: Lucia ohne Koloraturen ?

hab ich nicht geschrieben, kritik ist nicht von mir.

Antworten Gast: bella
15.03.2009 23:17
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Re: Lucia ohne Koloraturen ?

die Kritik hat nicht Herr Sinkovicz geschrieben. Deshalb kann ich zu ihnen nur sagen. "Was soll denn das". Herr Sinkovicz hat einen sehr guten Beitrag zum Comeback von NetreBko geschrieben. Bitte lesen!

Antworten Gast: hoisan
15.03.2009 00:36
0 0

Re: Lucia ohne Koloraturen ?

bravo!!!
treffendst formuliert!!!
chapeau

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Erstmals und dann gleich transponiert

"Erstmals wird in Wien ... das bisher gestrichene Duett ... zu hören sein... Bisher war diese Nummer in Wien immer einen halben Ton nach unten transponiert".

Hat ein bisschen was von der Quadratur des Kreisels.

Antworten Gast: Kiebitz
17.03.2009 08:18
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Re: Erstmals und dann gleich transponiert???

Legastheniker-Posting!!!

Antworten Gast: donizetti
14.03.2009 14:41
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Re: Erstmals und dann gleich transponiert

jaja, so ist das mit den wirklichen stars. ( also die auf hochglanz und klatzmagazinen)... ich muss ehrlich sagen, dass mir die oper weit weniger gefallen hat als sonst - ich bin aber auch kein fan davon. es stimmt, dass frau netrebko in falschen gewässern fischt. warum nur muss sie dieses koloraturfach singen - mit einer boheme ist sie meiner meinung nach an der grenze ihrer stimmlichen möglichkeiten ( derzeit). warum kann sie nicht die rollen singen, die der stimme passen? management. eine mimi ist scheinbar in den augen der agentur und der "welt" keine sensation - weil sie keine extreme hat. meiner meinung nach falsch - aber was solls. es bleibt zu hoffen, dass diese stimme ( die ich für gut aber überbewertet halte) nicht so verbraten wird wie viele vor ihr. man denke nur an anette dasch - die donna anna hat ihr einen schlag ins gesicht gegeben. und dass sie krank war, war hörbar - doch das interessiert keinen. die nächste bitte....

Antworten Gast: Alter Opernfreund
14.03.2009 13:38
0 0

Lesen lernen!

Si tacuisses, ... LESEN zuvor hätte Unsinn-Schreiben ersparen können!

Gast: Bernie
13.03.2009 19:44
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Karenz

sehr kurze Karrierepause fürs kleine Baby xx

Antworten Gast: Gast
13.03.2009 23:25
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Re: Karenz

Dafür gibt es Personal, früher mal waren die Großmütter da und in Russland wurden die Kinder hauptsächlich von der Oma aufgezogen. warum nicht, deshalb muss sie keine schlechte Mutter sein.

Antworten Antworten Gast: Bernie
15.03.2009 16:47
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Re: Re: Karenz

ja eh, deine Frau kann ja auch eine tolle Mami sein, auch wenn sie trotz der fünf Kinder arbeitet und jedes Jahr ein neues Au-pair anstellt, aber wenn es finanziell nicht nötig ist, ist trotzdem für die Kinder irgendwie schad, die Mutter ist wichtiger als das Au-pair


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