Ein "Ring"-Neustart in München

Um die interpretatorische Leistung des Dirigenten Kirill Petrenko zu bestaunen, lohnt es sich trotz Besetzungsmittelmaßes und Regieversagens nach Bayern zu reisen.

Die scharfstimmigen Rheintöchter und das „Rheingold“ im Bewegungschor: Hanna-Elisabeth Müller, Jennifer Johnson, Nadine Weissmann.
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Die scharfstimmigen Rheintöchter und das „Rheingold“ im Bewegungschor: Hanna-Elisabeth Müller, Jennifer Johnson, Nadine Weissmann.
Die scharfstimmigen Rheintöchter und das „Rheingold“ im Bewegungschor: Hanna-Elisabeth Müller, Jennifer Johnson, Nadine Weissmann. – (c) Bayerische Staatsoper

Kirill Petrenko hat's nicht leicht. In Bayreuth verleidet dem Publikum Frank Castorfs provokante Faschingsshow den akustischen Genuss seiner maßstabsetzenden Interpretation des „Rings des Nibelungen“. Und an „seinem“ Nationaltheater in München vergeigt ihm Regisseur Andreas Kriegenburg gleich den Beginn des „Rheingolds“ komplett.

Den vielleicht ungeheuerlichsten Beginn eines Musikdramas – dem legendären, aus dem Nichts geborenen, über Minuten strömenden und anschwellenden Es-Dur-Dreiklang – setzt die vor zwei Jahren von Intendant Bachler anbefohlene Neuinszenierung einen von allerlei Blubber- und Schnalzgeräuschen begleiteten Bewegungschor voran.

Nichts mit „aus dem Nichts“! Man kann Poesie und künstlerische Vision auch durch völlige Ignoranz zunichtemachen. Wie Kriegenburg überhaupt das ganze „Rheingold“ lang in postmoderner Beliebigkeit Bilder aneinanderreiht, die wenig miteinander zu tun haben und so gut wie nie aufeinander bezogen sind.

Dem kontinuierlichen symphonischen Fluss der Partitur stehen mehrheitlich belanglose Scharaden unverbunden gegenüber. Dass sich in Nibelheim die Szenerie dann sogar zu starken Bildern verdichtet – wenn etwa „nutzlos“ gewordene, weil entkräftete Arbeitssklaven reihenweise verbrannt werden – fruchtet wenig. Denn letztendlich stehen die Hauptdarsteller, wenn auch oft umwogt von etwelchem Bewegungspersonal, doch wie im alten Großpapa-Theater herum und singen.

Letzteres tun leider nicht alle auf Staatsopern-Niveau. Diesbezüglich scheint es in München noch allerhand Ausgleichspotenzial zu geben. Denn neben einem schwächelnden, blassen Wotan (Thomas J. Mayer), der immerhin die zentrale Figur im Spiel abgeben müsste, nehmen sich genügend große Kaliber wie Elisabeth Kulmans ehrfuchtgebietende Fricka oder auch das wirklich mächtige (und wie die Göttermutter vorbildlich wortdeutliche) Riesenpaar (Günther Groissböck und Christof Fischesser) wie Botschafter aus einer anderen Wagner-Welt aus.

Aus jener, von der auch Münchens Generalmusikdirektor träumt. Er will den Bayreuther Festspiel-„Ring“ nur noch im heurigen Sommer leiten und sich dann ganz auf die Bayerische Staatsoper konzentrieren.

Petrenkos Wagner-Traumwelten. Dass er schon bei seinem Münchner Erstversuch mit dem „Rheingold“ recht weit gekommen ist, vernahm der Wiener Zaungast mit Freude. Wer Kirill Petrenkos Karriere seit ihren Anfängen konsequent verfolgt, hatte ja das Glück, schon vor mehr als einem Jahrzehnt einen ganzen „Ring“-Durchlauf unter seiner Leitung zu erleben. Noch dazu, wie der Meister es einst wünschte, an vier aufeinanderfolgenden Abenden.

Das war in Meiningen und damals von Christine Mielitz inszeniert, die sich aufs Geschichtenerzählen viel besser versteht als die meisten andern Herren und Damen der deutschen Regietheaterzunft, die von den deutschen Intendanten so gern engagiert werden.

Petrenko tut gut daran, in München so zu tun, als existierte das hilflose Bühnenarrangement gar nicht. Der Theaterteufel wollte es, dass just zwei Tage vorher, bei Mozarts „Così fan tutte“ der eiserne Vorhang im Nationaltheater sich nicht heben wollte und man mit einer konzertanten Darbietung vorliebnehmen musste, bei der dann auch noch die Dorabella zur Pause wegen Unpässlichkeit ersetzt wurde.

Schade, dass die technische Panne nicht beim „Rheingold“ passierte. Man hätte sich dann ungestört dem schon erwähnten symphonischen Fluss der Musik hingeben können, den Petrenko auf unvergleichliche Weise realisiert.

Bei ihm gibt es wirklich keine Zäsuren, kein Innehalten, das Drama entwickelt sich (akustisch) ungebremst, unausweichlich. Die Detailarbeit, die hörbar wird, ist stupend, vor allem dort, wo die Musiker angehalten sind, immer neue dynamische Abstufungen am Rand der Hörbarkeit zu suchen – ohne dass der Klang dabei an Fülle und Farbkraft verlieren würde.

„Draufdrücken“ muss dieser Dirigent nirgendwo: Die Schritte der Riesen donnern wie eine Urgewalt, der „Einzug der Götter in Walhall“, der – wie könnte es anders sein? – überhaupt nicht inszeniert ist, findet im Orchester in repräsentativer Pracht statt: Kein falsches Ritardando, kein ruppiger Akzent ist nötig, auch die äußerste Entladung ist immer aus absolutem Schönklang geboren.

Schwächen der Besetzungspolitik. Das ist eine Meisterleistung, die leider von der Münchner Besetzungspolitik konterkariert wird. Auch wackere Wagner-Streiter wie der durchaus prägnante Loge Burkhard Ulrichs oder die kleineren Götter von Golda Schultz (Freia) bis Dean Power und Levente Molnár (Froh und Donner) – können (wie die scharfstimmigen, aber zumindest im Terzett gut harmonierenden Rheintöchter) zu solch raffinierter orchestraler Differenzierungskunst bestenfalls Marginalien beisteuern.

Nur ein einziges Mal ballt sich diese Aufführung daher zu echter musikdramatischer Wucht: Dank Tomasz Koniecznys Alberich war die Szene, die im alles entscheidenden Fluch des Nibelungen gipfelt, vokal wie orchestral von atemberaubender Stringenz. Ein paar Minuten großen Welttheaters, das auch die Beiläufigkeit des Bühnenarrangements vergessen ließ – da war man auf jener Höhe angelangt, in der die Vergleichsluft schon dünn wird.

Bleibt zu hoffen, dass man im Münchner „Ring“-Abenteuer noch ein paar solcher Gipfelsiege feiern darf.

Die Daten

„Das Rheingold“27.Februar, 11. und 22.März.

„Die Walküre“28.Februar, 6., 14. und 23.März

„Siegfried“8., 16. und 26.Februar, 6., 14. und 23.März

„Götterdämmerung“ 20. und 29. März,
2. und 5. April

www.staatsoper.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2015)

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