Zerrissen, radikal: Immer wieder Beethoven

John Adams dreht Scherzomotive durch die Mangel, Martin Haselböck feuert aus vollem Rohr auf Napoleon: Beethoven-Szenen mit den Wiener Symphonikern und der Wiener Akademie.

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„Sollte es wirklich in meinem lieben alten Lehrer etwas spuken?“, fragte sich Ferdinand Ries einmal im Hinblick auf Beethovens Geisteszustand. Facetten von dessen genialischer Verschrobenheit standen am Wochenende bei Konzerten in Wien im Zentrum – mit teils verblüffenden Ergebnissen.

So findet US-Komponist John Adams in Beethovens Partituren nach wie vor Anknüpfungspunkte en masse. Die Wiener Symphoniker haben sich den 68-jährigen Post-style Composer zu einem Konzertschwerpunkt eingeladen, bei dem er auch als fähiger Dirigent mit klarer, sachdienlicher Zeichengebung auftrat. Da erklang Strawinskys bärbeißig zupackende Symphonie in drei Sätzen, die in ihrem Andante mit ironisch verbogenem Rossini tändelt – eine instrumental funkelnd gelungene Verbeugung vor einem musikalischen Ahnherrn Adams'. Straff, aber elastisch geriet Beethovens Vierte, profitierte mit schönen Bläsersoli und feinen Übergängen viel von der Klangkultur des Orchesters.

Interessanter war das Herzstück der Matinee: „Absolute Jest“ (2012) nennt Adams seine Beethoven-Hommage für Streichquartett und Orchester, in der er eine Fülle von dessen Motiven durch eine gar nicht so prononciert minimalistische Mangel dreht. Die durcheinanderpurzelnden Bruchstücke fügen sich zu einem Mosaik zusammen. Die obsessivsten Repetitionen stammten freilich von Beethoven selbst, dem Scherzo aus dem letzten Quartett op. 135 etwa, dessen Zentrifugenwirbel das Doric String Quartet antrieb. Ein ausführliches, aber ganz vergnügliches Destillat, aus dem auch das ruppige Scherzothema der Vierten, die Paukenoktav aus dem Scherzo der Neunten und, gleich zu Beginn, der energiegeladene 6/8-Rhythmus des Kopfsatzes der Siebten hervorstachen.

Die komplette Siebte war schon am Freitag im Festsaal der Akademie der Wissenschaften zu hören – einem Abend, der unter dem Motto „Der Wilde mit seiner Maschin'“ hätte stehen können. Die Maschin' war ein Nachbau von Mälzels historischem Mechanischem Trompeter, der mit Orchesterbegleitung zwei Märsche spielte – und der „Wilde“ natürlich Martin Haselböck, der mit seiner Wiener Akademie radikal vorführte, welch ein exzessiv lärmendes, stampfendes Stück diese 7. Symphonie – zumindest auch – ist. Sein Projekt, Beethovens Symphonien in ihren Uraufführungssälen auf Originalinstrumenten neu zu deuten, lässt uns auch über die Stücke selbst mehr erfahren. Etwa, dass die heute oft als Test für Hifi-Anlagen verwendete, musikalisch eher belächelte Schlachtensymphonie „Wellingtons Sieg“, die den entscheidenden Sieg der Briten über Napoleon feiert, mit ihrem Kriegsgeräusch am historischen Ort geradezu beklemmend wirkt: eine gewaltig-gewaltsame Raumkomposition.

„Re-Sound Beethoven“, Fortsetzung: 3. 4. im Redoutensaal (2. Symphonie). Auf Ö1: 2. 5., 15.05 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2015)

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