Teatro Barocco: Medea und der Horror des leeren Kissens

Im Stift Altenburg werden ein selten gespieltes Melodram des Mozart-Zeitgenossen Benda und Haydns „Apotheker“ kombiniert.

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(c) Teatro Barocco/Barbara Pálffy

Plötzlich ist da nur mehr dieses weiße Kissen. Das Kissen, auf dem gerade noch Jasons und Medeas jüngerer Sohn gelegen ist. Jetzt ist es leer. Und damit gelingt Bernd R. Bienert das stärkste Bild in seiner in jeder Hinsicht originalgetreuen Aufführung von Georg Anton Bendas Melodram „Medea“ beim Festival Teatro Barocco im Stift Altenburg. Was ist schon ein blutiger blanker Dolch gegen den blanken Horror dieses leeren Kissens?

Benda? Der Name des böhmischen Kapellmeisters (1722–1795) ist heute wenig bekannt. Zu Mozarts Zeiten war das anders, und Mozart selbst hat die Melodramen Bendas, diese eigenwillige Gattung, bei der gesprochener Text eng mit der ihn ausdeutenden, ergänzenden, kommentierenden Musik verzahnt wird, geschätzt. Hört man Bendas „Medea“, ist dies nachvollziehbar. Die Musik, in ihrer schlichten Direktheit an Gluck erinnernd, spricht den Hörer direkt an. Ein spannender Kontrast zum doch recht artifiziellen Text Friedrich Wilhelm Gotters und dessen gestischer Umsetzung. Genau dies hebt Teatro Barocco von vielen anderen Festivals ab: Hier ist nicht nur die akustische, sondern auch die optische Komponente der Aufführungspraxis der Entstehungszeit verpflichtet. Versucht wird, ihr durch akribische Recherche bei Gestik, Kostümen und Bühnenbild so nah wie möglich zu kommen.
Im ersten Moment wirken die Bewegungen – seien es die trippelnden Schritte oder die ungewohnten Handbewegungen – Kira von Zierotins, die als Medea das Monodrama quasi im Alleingang bestreitet, merkwürdig gekünstelt. Doch lässt man sich darauf ein, kippt man nach wenigen Minuten hinein und kann sich der Wirkung dann nicht mehr entziehen. Dies liegt auch an der unglaublichen Deutlichkeit, mit der Kira von Zierotin den Text gestaltet. Und es liegt an der sich nahtlos einfügenden Umspielung dieser Texthappen durch das Ensemble des Teatro Barocco unter der Federführung des hochsensibel agierenden Cembalisten Robert Lillinger und der wunderbar phrasierenden Primgeigerin Agnes Stradner, deren Ton sich in der Akustik der Stiftsbibliothek aufs Schönste entfalten kann. Auch die Streicher sind bei dieser Aufführung solistisch besetzt, was die Sache umso heikler macht, vom Ensemble aber mit Bravour gemeistert wird.

 

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(c) Teatro Barocco/Barbara Pálffy


Da hilft nur Blödelei der Marke Haydn

Was kann nach der Monstrosität einer Tat wie dem Kindermord Medeas, die man allenfalls erklären, nie aber wirklich verstehen kann (und das ist auch gut so), noch kommen? Eigentlich nur hemmungslose Blödelei. Genau das passiert in Altenburg auch, mit Joseph Haydns leider nicht ganz erhaltenem „Apotheker“ („Lo Speziale“). Haydn musste in Esterházys Diensten Feuer machen mit dem Holz, das er hatte: Zwei Tenöre und zwei Soprane, was bei einem Stück, in dem drei Männer eine Frau umgarnen, notwendigerweise zu einer Hosenrolle führt, was wiederum der Komik ganz und gar nicht abträglich ist.

Gesungen wird durchwegs erfreulich. Der durchsetzungsstarke Tenor von Peter Widholz (keinesfalls seinen Einführungsvortrag versäumen!), meistert die anspruchsvolle Partie des Apothekers Sempronio problemlos, nur in seiner ersten Arie sprengt er fast die akustischen Gegebenheiten. Julian Henao Gonzalez, der über eine angenehme, lyrische Tenorstimme verfügt, und Barbara Angermaier mit ihrem hellen Sopran als Volpino bieten ihm gekonnt und nach Kräften Paroli, doch die Fäden zieht sowieso Sarah Marie Kramer als umworbene Grilletta mit ihrem so bestimmt geführten wie warmen Sopran. Großer Jubel für alle Beteiligten.

Spieltage: 11., 12., 17., 18., 24., 25. und 26. Juli

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2015)

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