Staatsoper: Russlands packendes politisches Intrigenspiel

Die Wiederaufnahme von Mussorgskys „Chowanschtschina“ unter James Conlon begeisterte.

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Staatsoper – (c) APA/ Robert Jaeger

Der russische Regie-Altmeister Lev Dodin wurde nach der Premiere unverständlicherweise arg gezaust. Doch erweist auch die Wiederaufnahme: Die Produktion, die Chöre und Protagonisten ausschließlich per Hubpodium auftauchen und wieder verschwinden lässt, ist ein Wurf. Sie schafft starke Bilder zu den von Modest Mussorgsky kühn nebeneinander gestellten Szenen aus den wirren Zeiten der politischen Landnahme Peters des Großen. Die Akteure sind allesamt eingesperrt in unausweichliche Käfige. Sie finden ja auch im Dialog nie zueinander. Jedes Zusammentreffen artet in neue Intrigen aus. Gewinner ist am Ende der Zar, der nie erscheint, aber die Welt von seinem Platz hinter den Kulissen aus den Angeln hebt.

Die Parabel von den widerstrebenden Kräften, zwischen die Mütterchen Russland zerrieben zu werden droht, könnte aktueller nicht scheinen: Hie chthonischer Traditionalismus, da die Lockungen der westlichen Zivilisation, zwischendrin Geschäftemacher und skrupellose Hasardeure, am Ende der kollektive Freitod der (im wahrsten Wortsinn) „Altgläubigen“. Keine Moral von der Geschicht'. Nur Betroffenheit angesichts der Ausweglosigkeit des gegenseitigen Nicht-Verstehens. Die Aufführung (inkl. zwei Pausen) dauert über vier Stunden; und ist doch um keine Minute zu lang: Das Publikum scheint gebannt.

Spannung ist dank Mussorgskys kraftvoll rücksichtsloser, alle klassischen Formmuster und Harmonielehre-Gesetze hinter sich lassender Musik garantiert. Auch weil mit dem Wien-Debütanten James Conlon ein Dirigent zur Verfügung steht, unter dessen sicherer Führung das Staatsopern-Orchester spielt, als hätte es wochenlang für diese Repertoire-Serie probiert: Die Bläsersoli, der Wohlklang der Phrasen – nicht zuletzt der phänomenal harmonierenden Cellogruppe –, die machtvollen Glockenklänge und martialischen Attacken des Blechs, sie binden sich zum alles mit sich reißenden dramaturgischen Klangstrom, der die effektvollen Chortableaux ebenso trägt wie die von der kleinsten Partie bis zur Hauptrolle exzellenten Sängerleistungen.

Da sind – wie schon bei der Premiere – die suggestiv schön und verführerisch tönende Marfa von Elena Maximova und der große, beeindruckende Bass von Ain Angers Dossifei, der in seinem Furor von allerlei widrigen Umständen, aber keinerlei tenoraler Schwäche gebremste Andrei Chowanski (Christopher Ventris) und der nicht minder sichere, zwischen lyrischer Schwärmerei und sachlicher Lagebeurteilung souverän balancierende Fürst Golizyn von Herbert Lippert.

 

Prägnante Charakterdarstellungen

Da schaffte es Lydia Rathkolb wieder, der sinnlichen Verzauberung der Marfa Paroli zu bieten, während Norbert Ernst als Schreiber die schlauen Windungen kennt, beinah allen Gefahren zu entgehen. Caroline Wenborne in der undankbaren Rolle der klagenden Emma und Marian Talaba als frech-lässiger Kuska ergänzen das Ensemble perfekt, in das sich zwei Debütanten glänzend einfügen: Dimitri Belosselskiy ist der sonor achtungsgebietende Fürst Chowanksi, Evgeni Nikitin, intrigant-ungeschlacht, dann aber im Gebet um Russlands Zukunft wirklich inbrünstig klagend der Schaklowity. Jede Figur erfährt ausdrucksstarke vokale Charakterisierung.

Wer Oper nicht nur als hedonistisches Hörvergnügen begreift, sondern als auch intellektuell fordernde, tiefgründig-vielschichtige Kunstform, sollte das nicht versäumen.

Reprisen: 24., 27. (Live-Streaming) und 29.September.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2015)

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