Kammeroper: Ohne Nase kein Mensch

Die Neue Oper Wien zeigt eine stringente Deutung von Schostakowitschs „Nase“ mit einem glänzenden Protagonisten.

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Nase weg, Nase wieder da, so schnell kann das gehen bei Gogol und Schostakowitsch: Marco di Sapia (r.) als Kowaljow und Lorin Wey als Diener Iwan in der „Nase“ – (c) Armin Bardel

Man kann ja in fast allem noch etwas Positives sehen. Im Fall von Platon Kusmitsch Kowaljow wäre es wohl der Umstand, das der Pickel, den er am Vortag noch auf seiner Nase hatte, weg ist. Das war es dann aber auch schon mit dem Kollateralnutzen, denn verschwunden ist nicht nur der Mitesser, sondern mit ihm gleich der ganze Zinken. So etwas kommt gelegentlich vor, vor allem bei Nikolai Gogol und Dmitri Schostakowitsch, der dessen Erzählung „Die Nase“ 1927/28 als Opernerstling kongenial und höchst effektvoll in Musik gesetzt hat.

Für Regisseure ein höchst dankbares Werk, lässt es sich doch in viele Richtungen interpretieren. Als Stück komisch-absurden Theaters funktioniert es – auch wenn das Schostakowitschs Intentionen zuwiderläuft – ebenso gut wie als beklemmende Studie über das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Darauf fokussiert Matthias Oldag in der aktuellen „Nase“-Produktion der Neuen Oper Wien in der Kammeroper. In psychologisch eindringlicher Personenführung präpariert er heraus, was passiert, wenn jemand aus heiterem Himmel – konkret qua Nasenverlust – zum Außenseiter wird, und aus der mathematischen Menge Mensch schlicht herausfällt. Da kann Kowaljow noch so wortreich erklären, welch einflussreiche Personen er nicht alle kennt: Protektion passé, „ohne Nase aber ist der Mensch kein Mensch“. Das lässt ihn die Polizei ebenso spüren wie die in ihrer Text-Legebatterie tippenden Zeitungsschreiber, der an der Riechorgan-Reparatur reichlich desinteressierte Arzt (fies und mit ansprechendem Bariton, auch als Redakteur: Georg Klimbacher), und nicht zuletzt seine Nase selbst (Alexander Kaimbacher).

 

Überflüssige Effekte

Über diese stringente Deutung, in die sich auch die massive Gewalt von Polizei und Mob gegen den Barbier (markant: Igor Bakan) einfügt, streut Oldag leider eine Reihe völlig überflüssiger Effekte aus, bei denen sich einmal mehr gezeigt hat: Nichts ist auf der Bühne so alt wie ein zu Tode bemühter Regieeinfall. Dafür, ein Stück bereits beginnen zu lassen, wenn das Publikum in den Saal strömt, sollte man wirklich handfeste Gründe haben, damit es nicht einfach nur nervt. Ebenso für politische Aktualitätsbezüge. Und mit von grimmigen Gestalten ins Publikum gerichteten Taschenlampen irritiert man heute auch niemanden mehr.

Andererseits entwickelt Oldag vieles aus der Musik heraus, etwa den Ballettauftritt Kowaljows und seine Würgeattacke auf den Chef des polizeilichen Nasensuchtrupps (angemessen grotesk: Pablo Cameselle). Diese Musik liegt in den versierten Händen von Walter Kobéra, der das Amadeus-Ensemble Wien mit viel Gespür durch die farb- und facettenreiche Partitur lotst, nicht nur treffsicher Effekte setzt, sondern vor allem auch die so zahlreichen wie raschen atmosphärischen Wechsel organisch gestaltet. Eine feste Basis, auf der Marco Di Sapia als Kowaljow so recht glänzen kann: Sein wandlungsfähiger Bariton wirkt wie geschaffen für die Rolle, in den jammernd-weinerlichen Passagen des Opfers ebenso überzeugend wie in den herrisch-befehlenden. Denn so zwangsläufig wie entlarvend kehrt sich alles nach der Nasenrückkehr wieder um, und Kowaljow kehrt, wieder ganz Mensch, hochnäsig im Befehlston den Herrn heraus. Als ob nichts gewesen wäre.

Weitere Termine: 26., 28., 30. 9.; 1. 10.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2015)

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