Staatsoper: Wie die Gruberová immer noch ein Museum entstaubt

Die Langzeitkönigin der Koloratur feierte ihr Rollendebüt als Anna Bolena und erntete Jubel von ihren treuen Fans. Auch ihre Rivalin und Pidò am Pult veredelten die Belcanto-Oper.

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Staatsoper – (c) Staatsoper/ Michael Poehn

Mit dramatischem Schwung und Elan fällt in dieser „Anna Bolena“ einmal ein Zwischenvorhang, vor der Schlafzimmerszene im ersten Akt. So was fällt auf, in der erstarrten Nichtinszenierung von Eric Génovèse, in der die Hofleute so angepflanzt herumstehen wie die Eichen im Park von Windsor. Der Kostümschinken wirkt schon vier Jahre nach der Premiere so gnadenlos verstaubt wie ein Relikt aus grauen Regievorzeiten. Warum dann nicht gleich eine konzertante Aufführung? Das ist deutlich billiger und wirkt wenigstens nicht unfreiwillig komisch.

Freilich ging es dem Publikum an diesem Freitagabend in der Staatsoper gar nicht um lebendiges Musiktheater, sondern um das vom Programmzettel verheißene Belcanto-Hochamt. Als Hohepriesterin war Edita Gruberová angesagt, umringt von vokalen Messdienern. Die slowakische Sopranistin bringt im Alleingang Leben ins öde Museum, auch nach 45 Wiener Dienstjahren. Stolz, Würde, Verzweiflung und seliger Wahn der armen englischen Königin auf ihrem dreistündigen Weg zum Schafott: Das verkörpert die Langzeitkönigin der Koloratur bei ihrem Rollendebüt am Ring mit unerbittlicher Präsenz und innigster Empfindung. Auch wenn die Strahlkraft ihrer Stimme leicht nachlässt und sie mit Finalnoten kein Triumphe mehr feiert: Sie dosiert ihr Potenzial so klug, dass sie sich in den zarten Pianopassagen der großen Schlussszene wie eh und je in schwereloser Schönheit über das irdische Jammertal erhebt. Anna spiegelt sich in Edita: Was für Königinnen, die ihre Abschiede mit solcher Kraft und Würde zu gestalten verstehen!

 

Starke Frauen, schwache Männer

Dass auch der zweite Kulminationspunkt der Donizetti-Oper, das Duett mit der Rivalin Seymour, zum großen Moment geriet, ist Sonia Ganassi zu verdanken. Mit ihrem variantenreichen Mezzo durchschritt sie souverän alle Höhen und Tiefen der Gefühle und Tonlagen. Einen intensiven und emotional verzehrenden Auftritt hatte auch Margarita Gritskova als unglücklicher Page Smeton. Celso Albelos lyrischem Tenor liegt zartes Schmachten weit mehr als Schmettern in lichten Höhen, weshalb man ihm den Percy eher abnimmt als zuletzt den Herzog im „Rigoletto“. Eine echte Enttäuschung war der böse König des Abends: Marco Vincos Bass tönte stumpf und viel zu leise. Sein Enrico VIII. ist kein donnernder Tyrann, sondern nur ein grummelnder Misanthrop. Die Buhrufe am Schluss waren leider verdient. Viel eher aufhorchen ließ der sonore Lord Rochefort von Ryan Speedo Green.

Als Glücksfall fürs italienische Repertoire erwies sich einmal mehr Evelino Pidò am Pult. Es macht schon Freude, dem Turiner Dirigenten zuzusehen, mit welcher Ernsthaftigkeit und Verve er noch das blasseste Rezitativ vom Orchester modellieren lässt. So klingt es dann auch: Jede Facette ist zum Leuchten gebracht. Das Fazit: Die Belcanto-Kultur lebt – auf dem Opernfriedhof. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2015)

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