Beethoven-Wettbewerb: Nutzen und Nachteil der Jury

Der 27-jährige Deutsche Alexander Schimpf besiegte im Finale im Musikverein zwei jüngere Koreaner und gewann einen Bösendorfer-Flügel.

Schließen
(c) EPA (Helmut Fohringer)

Juroren haben es nicht leicht. Was machen Sie zum Beispiel, wenn anlässlich des Finalkonzertes des Beethoven-Wettbewerbs ein Pianist aus Deutschland, der sich zwei koreanischen Konkurrenten zu stellen hat, viel besser musiziert als diese, aber fünf respektive elf Jahre älter ist? Das sei kein Problem, meinen Sie? Lauschte man den Diskussionen, die sich zwischen Schlussakkord des letzten Klavierkonzerts und der Verkündigung der Preisträger im Foyer des Wiener Musikvereins ereigneten, dann haben Sie die Tragweite der Angelegenheit nicht erkannt.

Zum einen, hieß es da, sei die Zusammensetzung der Finalrunde mit zwei Pianisten aus Fernost und einem Deutschen geradezu ein Menetekel für die Situation des universitären Musikunterrichts im guten, alten Europa. Zum andern würde doch in diesem Zusammenhang die Kür des europäischen Kandidaten nicht gerade politisch korrekt aussehen. Dergleichen Argumentation sei zwar künstlerisch unhaltbar, werde aber garantiert ins Treffen geführt, sollte der Deutsche...

Kurz und gut, der Deutsche sollte. Alexander Schimpf, Jahrgang 1981 und aus Göttingen, seit seinem Sieg beim Robert-Schumann-Wettbewerb in Zwickau mehrfach preisgekrönt, ist Gewinner des Beethoven-Wettbewerbs 2009 und damit ab sofort auch glücklicher Besitzer eines Bösendorfer-Flügels. Er hat das Dritte Klavierkonzert des Namenspatrons tatsächlich weitaus vielgestaltiger, natürlicher geatmet und dynamisch feinsinniger nuanciert gespielt als zuvor der gerade 23-jährige Ji-Hoon Jun aus Seoul – selbst wenn die freizügigere Spielweise Schimpfs zu wesentlich mehr kleineren Koordinationsschwankungen zwischen dem Klavier und dem begleitenden RSO Wien unter Stefan Vladar führte. Der Beethoven-Preisträger des Jahres 1985 ist längst unter die Dirigenten gegangen und kann jetzt also ein Lied davon singen, wie das ist, wenn Pianisten als eigensinnige Solisten agieren: Wo genau dann immer die Orchestereinsätze zu platzieren sind, das ist ein Studienkapitel für sich. Auch wie zu reagieren ist, wenn ein Interpret wie Schimpf für das Finale des c-Moll-Konzertes ein deutlich rascheres Tempo anschlägt als offenbar ausgemacht...

 

Nesthäkchens Versprechungen

Wie auch immer, Chi Ho Han, auch aus Seoul, aber Jahrgang 1992, musizierte nach der Pause als Nesthäkchen Beethovens Erstes Klavierkonzert, quirlig und elastisch, wenn auch – was die möglichen Varianten betrifft, stets auf der sicheren Seite. Er hätte den Vorteil des „vielversprechenden jugendlichen Stürmers“ auf seiner Seite – andererseits, so kann eine Jury auch optieren, hat er noch Zeit, während Schimpf jetzt langsam darangehen muss, die auf vielen Bewerben gegebenen Versprechungen auch im wirklichen Musikleben einzulösen. Wien schickt ihn mit viel Applaus auf seinen Weg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2009)

Kommentar zu Artikel:

Beethoven-Wettbewerb: Nutzen und Nachteil der Jury

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen