Oper Lyon: Der Philosoph singt vor dem Suizid

„Benjamin, dernière nuit“ zeigt die letzten Stunden von Walter Benjamin. Die Uraufführung krönte das Minifestival in Lyon – Intendanten, spielt dieses Werk nach!

Walter Benjamins Todesnacht: Berühmte alte Freunde erscheinen als Wiedergänger.
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Walter Benjamins Todesnacht: Berühmte alte Freunde erscheinen als Wiedergänger.
Walter Benjamins Todesnacht: Berühmte alte Freunde erscheinen als Wiedergänger. – (c) Opéra de Lyon/Stofleth

Serge Dorny, der Intendant der Oper von Lyon, versteht es, mit seinen Pfunden zu wuchern. Sein Haus ist nun wirklich nicht das größte oder bestdotierte Frankreichs, aber durch intelligente Programmierung lässt er es immer wieder in der Champions League mitspielen. Den Höhepunkt seiner Strategie bildet das alljährlich im Frühling unter einer thematischen Klammer stattfindende Minifestival mit drei verschiedenen Premieren an drei Abenden. Heuer hieß das Event hochtrabend Festival pour l'humanité (wobei „humanité“ im Französischen sowohl „Menschheit“ als auch „Menschlichkeit“ bedeuten kann).

Wer sich danach nicht vor lauter Depression die Pulsadern aufschlitzt, kann stolz sein, denn Dorny bot allerallerhärteste Kost: Jacques Fromental Halévys selten gespieltes Proto-Antisemitismus-Drama „La Juive“, Viktor Ullmanns im Ghetto von Theresienstadt geschriebenen Einakter „Der Kaiser von Atlantis“ sowie Michel Tabachniks neue Oper „Benjamin, dernière nuit“. Den stärksten, geschlossensten Eindruck hinterließ dabei diese Welturaufführung des Boulez- und Xenakis-Schülers. Das Werk handelt von der letzten Nacht des deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin, der sich 1940 – aus Angst, von den Franquisten nach Frankreich und somit der Gestapo ausgeliefert zu werden – im katalanischen Portbou das Leben nahm.

Den Hintergrund der Bühne bedeckt eine riesige Regallandschaft. In ihr sind – wie in einer Pfandleihanstalt oder einem Kriminallabor – Unmengen Gegenstände aufgestapelt. Dieser Wand entsteigen aber auch Benjamins alte Bekanntschaften und Freunde, die ihm bzw. ihnen (seine Rolle ist auf einen Schauspieler und einen Sänger aufgeteilt) kurz vor Einnahme der Schlafmittel als Erinnerungen und Wiedergänger erscheinen: Anja Lacis, Arthur Koestler, Bert Brecht, Gershom Sholem, André Gide, Max Horkheimer und Hannah Arendt. Die Ausgangssituation, obwohl nicht sehr originell, funktioniert dennoch hervorragend. Die Auseinandersetzung mit diesen Personen seiner Vergangenheit erhellt das Mysterium um Benjamins Suizid beträchtlich. Seine scheinbare Verzweiflungstat stellt sich als Folge des Scheiterns der sozialistischen Idee in all ihren Varianten dar.

 

Brecht, Gide, Arendt – albtraumhaft

Das Libretto schrieb der französische Kultautor und Che-Guevara-Freund Régis Debray, und man kann darin wohl eine indirekte geistig-seelische Autobiografie erkennen. Er bringt die Figuren wie in einem Albtraum überspitzt auf den Punkt, „entstellt“ sie zur Kenntlichkeit und macht somit klar, warum sich Benjamin von ihnen und ihren Ideen abwenden musste. Dem Besetzungschef der Lyoner Oper ist es gelungen, für sie Sängerinnen und Sänger zu finden, die mit ihren historischen Vorbildern (auch dank der wunderbaren Kostüme) auf nahezu kinematografische Weise ident sind. Diese gespenstische Ähnlichkeit erzeugt eine zombiehafte Atmosphäre, die Gänsehaut verursacht.

Michel Tabachniks Komposition (kompetent ausgeführt von Bernhard Kontarsky) wurde vorgeworfen, dass sie inhomogen sei, illustrativ, dass sie an Filmmusik erinnere. Das ist insofern sehr ungerecht, als sich Tabachniks Stil naturgemäß dem Charakter der unterschiedlichen Tableaux anpasst und seine kakofonen Cluster während der Szenen in Paris gänzlich anders klingen als bei jenen in Berlin, Moskau, Jerusalem oder New York. John Fulljames' Regie (mit genialen Visuals) ist ungeheuer intelligent, präzise, einfallsreich und detailverliebt – kleines Beispiel aus dem Schlussbild: ein Lichtspot auf die im Riesenregal „abgelegte“ lettische Revolutionärin Anja Lacis, die Stalin in ein kasachisches Arbeitslager verbannt hatte. Ihren Körper bedeckt die umgedrehte Sowjetflagge.

Qualitativ ebenso hochstehend, aber insgesamt nicht ganz so beglückend die beiden anderen Produktionen. Bei Halévys „La Juive“ ließ die musikalische Seite kaum Wünsche offen. Das früher viel kritisierte „Wunderkind“ Daniele Rustioni scheint zu neuer Meisterschaft gefunden zu haben und leitete das Orchester souverän durch die tückenreiche Partitur. Außerdem steht ihm ein selten homogenes Ensemble zur Verfügung: der (in Österreich selten zu hörende) Grazer Nikolai Schukoff (nicht Shicoff!) als rachsüchtiger Jude Eleazar, Rachel Harnisch als seine Tochter Rachel, die eigentlich Christin ist, Enea Scala als untreuer Liebhaber Leopold, Sabina Puértolas als sexy Prinzessin Eudoxie. Olivier Pys Inszenierung hingegen enttäuschte. Man weiß mittlerweile, dass bei ihm immer alles schwarz ist, aber dass er auf so verschimmelte Versatzstücke „deutschen Regietheaters“ wie Treppen, Koffer, lange Mäntel, Davidsterne und Pappschilder mit Wutbürgerparolen zurückgreifen würde, hätte man nicht erwartet. Ähnliches bei Ullmanns „Kaiser von Atlantis“: tadellos das Orchester und die Teilnehmer des Opernstudios, unbefriedigend die halbszenische Umsetzung.

Für das Festival 2017 hat sich Serge Dorny besondere Leckerbissen ausgedacht. Unter dem Motto „Mémoires“ will er legendäre Operninszenierungen der letzten Jahrzehnte wieder aufleben lassen: Heiner Müllers „Tristan“, Ruth Berghaus' „Elektra“ und Klaus Michael Grübers „Poppea“. Man wünschte, das könnte man alles schon morgen sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2016)

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