Der Tod grinst nun nicht mehr zum Fenster herein

Unter Ingo Metzmacher singen zwei deutsche Stars Janačeks „Jenufa“ erstmals in tschechischer Sprache.

Jenufa
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(c) Michael Poehn - Staatsoper

Einst sangen Gabriela Beňačková und Eva Randová unter Václav Neumann „Jenufa“ auf Deutsch. Nun haben die Deutschen Ingo Metzmacher, Angela Denoke und Dorothea Röschmann Janačeks populärste Oper auf Tschechisch einstudiert. Das Singen in der Landessprache hat – fast ein halbes Jahrhundert nach Karajans Initiative für die Originalsprachen in der Oper – ausgedient. Das ist international Standard.

Und doch mag manch einer im Auditorium festgestellt haben, dass ein Satz, wie ihn die Küsterin am Ende des zweiten Akts zu deklamieren hat, nun nicht mehr so unmittelbar unter die Haut geht, wie gewohnt. „Grad als hätt' der Tod hier hereingegrinst“ bohrt bei Musikfreunden, die des Tschechischen nicht mächtig sind, entschieden tiefer als „Jako by sem smrt načuhovala“. Auch wenn man weiß, dass die Silbenfolge dasselbe bedeutet – und die Pauke den Rhythmus mit der gewohnten Energie übernimmt.

 

Aus Worten werden Klänge

Es ist ja Janačeks besondere Spezialität, dass aus Worten, aus Gesten musikalische Phrasen werden, die dann beredt zitiert und verwandelt werden, aus der Realität ins Unterbewusstsein hinunterwandern, dann aber erschreckend wieder von dort heraufschießen können. Dass Ingo Metzmacher, ein anerkannter Promotor der Neuen Musik, das Werk an der Staatsoper nun neu einstudiert hat, passt ins Bild: Er ist einer, der nicht vom expressiven Gehalt musikalischer Figuren ausgeht, sondern eine Septole zunächst korrekt als Septole behandelt wissen will. Dass sich die Themen, Phrasen, Klangfiguren, wenn das Staatsopernorchester so richtig zupackt, im Zuge der grausigen Handlung dieses Stücks dann zwangsläufig in Ausdrucksträger verwandeln, war an diesem Abend spätestens im Finale des Mittelakts zu spüren. Da brodelten nicht nur die Streichertremoli, sondern auch die Stimmung im bemerkenswert gut gefüllten Auditorium. Man erinnert sich glänzend besetzter „Jenufa“-Vorstellungen, die sich vor halb leeren Rängen ereignet haben . . .

Einst wechselte Sena Jurinac, die Jenufa der Otto-Schenk-Inszenierung, in die Rolle der Küsterin und sorgte sich um Gabriela Beňačková. Nun tut es ihr Angela Denoke, Titelheldin der – dankenswert realistischen – David-Pountney-Produktion gleich und übergibt an die ausdrucksvoll und farbenreich singende Dorothea Röschmann. Die Denoke ist und bleibt eine singuläre Bühnenfigur: Der zermürbende Widerstreit zwischen Zärtlichkeit und Nervosität, Standesdünkel und seelischer Verletztheit (die auch der früher gestrichene Monolog im ersten Akt hörbar werden lässt) macht diese Frau zur Kindsmörderin.

Das verfehlt seine erschütternde Wirkung nicht. Typengerecht und vokal voll Saft und Kraft führen die Tenöre – Christian Franz als Laca, Marian Talaba als Stewa – das rundum hervorragende Ensemble mit Aura Twarowskas alter Burya, Il Hongs Altgesell und Hyuna Kos Karolka; aus dem Schäferburschen Jano ist eine Jana geworden, die Annika Gerhards entzückend kindlich-aufgeregt herumflattern lässt. Heller Jubel.

Reprisen: 10., 14., 17. und 20. April. Die Vorstellung vom 17. April als Stream via www.staatsoperlive.com.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2016)

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