Oper: So bleibt eine Musikstadt lebendig

Das „sirene Operntheater“ präsentierte neun Uraufführungen in Wien.

Sage noch einer, Wien sei musikalisch nur rettungslos rückwärtsgewandt und sonne sich letztendlich auf ewig im Glück der Tatsache, dass hierzulande die „Lustige Witwe“ das Licht der Welt erblickt hat. Im pittoresken Rahmen der Expedit-Halle der Ankerbrot-Gründe erarbeitete das sonst im Jugendstiltheater beheimatete Ensemble „sirene Operntheater“ nicht eine, nicht zwei oder drei, sondern gleich neun Opernuraufführungen innerhalb weniger Wochen.

Neun höchst unterschiedliche Beiträge zum Genre Kammeroper aus den Federn von Komponisten aller Generationen, von Altmeister René Clemencic bis zum 32-jährigen Oberösterreicher Gernot Schedlberger.

 

Von den „Knödeln“ zu Opernehren

Am vergangenen Wochenende rundete die Weltpremiere des „Gesprächs der Hunde“ von Christof Dienz das Unternehmen ab, ein Stück, das stilistisch im Niemandsland zwischen avantgardistischen Klangabenteuern und rhythmisch skandierter Textkanonade à la Carl Orff angesiedelt ist und auch vor Anleihen aus der Unterhaltungsmusik nicht zurückschreckt.

Als Leiter der legendären „Knödel“ hat sich Dienz die nötige Virtuosität erworben, sich in den gefährlichen Seilzügen von E und U nicht zu verheddern, sondern die kühne Verknüpfung von Parodistischem und tiefem Ernst zielsicher zur jeweils geplanten dramaturgischen Wirkungen zu bringen.

Die letzte Station der neunteiligen Opernreise durch die Kapitel von Leo Perutz' Roman aus Jüdisch-Prag, „Nachts unter der steinernen Brücke“, geriet damit zunächst amüsant, zuletzt bewegend. Das junge Ensemble, allen voran Altist Bernd Landauer, machten mit sparsamen Mitteln die Parabel vom Landstreicher, der den Verstand verliert, weil er zwischen zwei Hunden gehenkt werden soll, zum Erlebnis.

Gefangen, weil er – scheinbar, wie die Regie uns wissen lässt – gegen die kaiserlichen Hehlereigesetze verstoßen hat, verbringt der fromme, aber stets vom Pech verfolgte Jude Landfahrer seine letzte Nacht in der Todeszelle – mit den beiden Hunden, zwischen denen er dem grausamen Brauch nach am folgenden Morgen hängen soll.

Weil er sich in der Kabbala irrt, vermag er plötzlich die Sprache der Hunde (Bernd Lambauer und Richard Helm) zu verstehen. Er meint, einer der Straßenköter wisse, wo Geld vergraben sei, das für ihn bestimmt ist. Die Wirklichkeit und die Wahnvorstellungen verschwimmen. Auch dass die jüdische Gemeinde ihn freikauft, holt Landfahrer nicht in die Realität zurück. „Das Unglück hat ihn bis ins Glück verfolgt“, lautet die Moral von der Geschicht – und die Musik, eben noch zu einem pulsierenden Ensemble geballt, zerstiebt jäh.

 

Wie man aus wenig viel macht

Die „sirene“-Rechnung geht voll auf, Kristine Tornquist setzt ihre eigenen Libretti mit karg-eindeutigen Regiehandgriffen in die Tat um. François-Pierre Descamps entlockt dazu dem „Ensemble Online“ mit sicherer Zeichengebung die entsprechenden klanglichen Beleuchtungseffekte. So erzählt man die Geschichte, spannend und ohne entstellende oder verrätselnde Zutaten. Dazu braucht es kein gigantisches Bühnenbild und keine teuren Kostüme, ja nicht einmal jene Armee von Scheinwerfern, ohne die selbst die kleinste Musicalbühne heute nicht mehr auszukommen meint.

Dass Musiktheater auch mit geringen Mitteln ihre faszinierende Wirkung ausüben kann, weiß die Welt seit Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“; freilich macht sie allzu selten von dieser Weisheit Gebrauch. Dass es in Wien möglich ist, den Wahrheitsbeweis für diese These heutzutage beinah im Dutzend anzutreten, ehrt das Produktionsteam – und alle, die diesen erstaunlichen Leo-Perutz-Zyklus ermöglicht haben. sin

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2009)

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