Klangforum: So kurzweilig kann die Erschöpfung klingen

Konzerthaus: knirschendes Finale im Saisonzyklus des Klangforums Wien.

Klaviertastatur mit Notenblatt
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Klaviertastatur mit Notenblatt
(c) www.bilderbox.com (BilderBox.com)

Wie entkräftet liegt die Sängerin da – und ihre Ermattung entpuppt sich als Thema: Plötzlich fängt sie an zu plappern, deklamiert über „Exhaustion versus Tiredness“, unterscheidet zwischen Erschöpfung und Müdigkeit. Die Sprechmelodie verklumpt gleichsam im Ensemble, Akkordfolgen im Wortrhythmus entstehen, verfangen sich in Wiederholungsschleifen, holpern bei ungeraden Takten, die einem regelmäßigen Puls gegen den Strich gehen. Mittlerweile steht die Solistin, singt und hickst, agiert zwischen Notenpult und Lesetisch – und das Stück nimmt Fahrt auf, als wäre es eine leidlich geölte, futuristische Maschine, deren Räder sich immer wieder von selbst knirschend umbauen.

„Like all people who try to exhaust a subject, he exhausted his listeners“, heißt es in Oscar Wildes „Picture of Dorian Gray“. Einen Komponisten wie Bernhard Lang schreckt so etwas nicht. Seine Musik ist von Jazz, Rock und Techno ebenso beeinflusst wie von klassischer Avantgarde; DJs, Turntables und Computer vollführen darin jenseits von Genre-Grenzen Loops eigener Art und generieren umfangreiche Werkreihen – seit 1998 etwa „Differenz/Wiederholung“ (DW), inspiriert von Gilles Deleuzes Buch „Différence et répétition“. Mittlerweile ist Lang bei „DW 26“ angelangt, „The Exhausted“ (2014): eine etwa 35-minütige, trotz Repetitionen kurzweilige Tour de force durch die Gefilde der Erschöpfung und des Erschöpfenden nach Texten von Deleuze und Beckett, eine Art Songspiel in nicht nur den genannten sechs Sätzen, sondern vielen kleineren Abschnitten mit je unterschiedlichen stilistischen Schlagseiten und Stimmungen.

 

Wehmütiger Haas: „AUS.WEG“

Interessant, dass die szenischen Elemente überflüssig erschienen, zumindest nicht entscheidend zur Wirkung beitrugen – vielleicht auch, weil die großartige Agata Zubel durch ihre souveräne Verbindung von Sprechvortrag, Stimmgeräuschen und immer wieder leuchtend schönem Gesang so intensiv wirkte, dass das bisschen Theater dagegen verblasste. Das Klangforum Wien, wieder unter der freundlich-präzisen Leitung des vielseitigen Emilio Pomàrico, war ihr ein starker, in seiner partiturgetreuen Vielschichtigkeit ungemein prägnanter musikalischer Partner, nicht zuletzt mit einem wilden Saxofonsolo. Gemeinsam mit den teils zahnradartig ineinandergreifenden, teils über- und gegeneinander geschichteten Klängen in Beat Furrers Schattenstudie „linea dell'orizzonte“ sowie den disparat-wehmütigen Betrachtungen eines nötig gewordenen inneren und/oder äußeren Abschieds, die Georg Friedrich Haas in „AUS.WEG“ anstellte, war damit das Finale des Klangforum-Zyklus erreicht. Fortsetzung folgt nächste Saison, das Motto: „Science? fiction!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2016)

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