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ZWISCHENTÖNE: München beschädigt sich selbst

27.07.2009 | 15:00 |   (Die Presse)

Bayerns Hauptstadt sucht einen Kandidaten für ein Himmelfahrtskonmmando: einen Nachfolger für Christian Thielemann. VON WILHELM SINKOVICZ

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In der Branche ist man mit dem Urteil schnell bei der Hand: Mit dem kann man halt nicht arbeiten, heißt es. Er ist in Nürnberg angeeckt, er ist in Berlin angeeckt, jetzt ist er in München angeeckt. So ist er halt, der Christian Thielemann. Zugegeben parteiisch, weil ich ihn für einen der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit halte, glaube ich doch, dass es objektivierbar ist, wenn ich behaupte: Was Thielemann in München verlangt hat, steht jedem Chefdirigenten der Welt zu. Nämlich Mitsprache und ein Letztentscheidungsrecht, welche andere Dirigenten welches Repertoire bei „seinem" Orchester dirigieren.
Man stelle sich vor, ein Intendant hätte einst einem Herbert von Karajan in Berlin, einem Georg Solti in Chicago, einem George Szell in Cleveland mitten in einen laufenden Brahms-Zyklus des Chefdirigenten eine Aufführung der Ersten Brahms mit einem berühmten Gastdirigenten „hineinprogrammiert". Und wäre der Wunsch des Gastes noch so dringlich gewesen, die Vorstellung wäre absurd gewesen.
Genau solche Absurditäten hat aber, so die übereinstimmende Aussage aller s-6;0Beteiligten, die Münchner Politik in Thielemanns Vertrag hineinoptiert. Wenns es tatsächlich das war, woran das Engagement des Dirigenten bei den Münchner Philharmonikern über 2011 hinaus jetzt gescheitert ist, dann ist hinter der Causa schwerlich etwas anderes als eine Intrige zu vermuten, sonst hätten nicht sämtliche politischen Entscheidungsträger mit einer Ausnahme gegen Thielemann votiert.
Aus also für ein musikalisches Gespann, das nicht nur in München große Pläne gehabt hätte. Zum Beispiel, wie unlängst vermeldet, szenische Aufführungen von Richard-Strauss-Opern und Wagners „Ring des Nibelungen" im Festspielhaus Baden-Baden. Was daraus wird, steht in den Sternen. Sicher kann man sein, dass im Falle einer Ersatzvornahme sich die Veranstalter für Thielemann und nicht für das Orchester entscheiden werden. Des Dirigenten wegen strömen Musikfreunde in Opernhäuser.
Die Münchner haben sich damit wohl ein wenig unvorsichtig in eine arge Bredouille manövriert. Das Orchester war stets das zweite Münchner Orchester, in artigem Abstand hinter dem viel bes-4;0rühmteren Symphonieorchester des Bayserischen Rundfunks.

Unter Chefs wie Sergiu Celibidache und eben Thielemann ließ sich dieser Abstand stets verkürzen und die internationale Aufmerksamkeit doch auch auf die Philharmoniker lenken. Man mag von den beiden Interpreten halten, was man will, sie garantierten hohe Aufmerksamkeit. Ob sich ein Dirigent dieses Kalibers findet, der bereit ist zu den genannten, also unattraktiven Konditionen die Nachfolge Thielemanns anzutreten, bleibt spannend abzuwarten. Um den Dirigenten muss man sich keine Sorgen machen. Er hat jetzt vielleicht mehr Lust, die zum Beispiel für Wien mit der designierten Direktion abgesprochenen Wagner- und Richard-Strauss-Abende an der Staatsoper - darunter eine Lohengrin-Premiere - tatsächlich zu dirigieren. Ganz abgesehen von seinen Bayreuther (und Salzburger) Sommerverpflichtungen, die bis 2015 feststehen. Viel Glück, München.

wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2009)

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7 Kommentare
Gast: Johann Renner
03.08.2009 22:45
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Korrektur

Kleine Korrektur eines Schreibfehlers in meinem Beitrag: Künftige Einsparungen werden bei den MPhil (und nicht beim BR) vorgenommen werden.

Gast: Johann Renner
03.08.2009 19:56
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Armes München / Wozu Orchester-Intendanten?

Offenbar hat die Stadt München vor, die MPhil gegenüber dem BR nunmehr entgültig zum B-Orchester zu degradieren. Bei diesem Vorhaben stört natürlich ein erstklassiger Chefdirigent, der dies medienwirksam verhindern könnte. Die Vermutung liegt nahe, dass man bei knappen Kassen die vorhandenen Gelder auf Jansons und das BR konzentrieren möchte, während die Einsparungen vor allem beim BR vorgenommen werden. Dies geht freilich leichter mit einem subalternen Intendanten und einem ebenso unwichtigen künftigen Chefdirigenten.
Einzige positive Seite dieser Schmierenkomödie des Münchner Stadtrates: Dresden und Wien, deren grossartige Orchester den MPhil überlegen sind, werden häufiger in den Genuss von Thielemanns Dirigaten kommen.

Als Diskussionsanregung: Wozu braucht man eigentlich Orchester-Intendanten? Die hiesigen Berliner Philharmoniker suchen sich seit Jahren Alibi-Intendanten und machen die musikalischen Entscheidungen mit dem Chefdirigenten aus, bei Barenboim war der Intendant stets ein Frühstücksdirektor und die Wiener Philharmoniker sparen sich diese unnötige Stelle von vornherein. Meines Erachtens stört diese Stelle nur, ein Verwaltungsleiter und ergänzend ein dem Orchester/Chefdirigent unterstellter Konzertplaner reichen völlig aus.

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Wer braucht einen Dirigenten?

Die Regie ist doch das bedeutende.
Im STANDARD ist die Oper längst nicht mehr unter Musik sondern Bühne anzuwählen.
Wer braucht Musik? Man könnte die Regie vielleicht von der CD begleiten?

Gast: Fred Keller
25.07.2009 09:37
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@ schiral

Schon was von Pendlern gehört!
Lieber den Thielemann hin und her fliegend, das tat auch der Levine als den Nagano fix wohnend.

Gast: schiral
25.07.2009 08:42
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Flucht aus München

Thielemanns "Liebe zur Musikstadt" München scheint in Wirklichkeit nicht besonders intensiv zu sein. Wenn immer es geht flieht er nach Konzerten und Proben wieder nach Berlin zurück. Ganz im Gegenteil zum Kollegen Kent Nagano, der sich mit seiner Familie in München niedergelassen hat und der sich intensiv mit der Münchner Musiktradition auseinandersetzt.

Antworten Gast: jochen
28.07.2009 10:07
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Re: Flucht aus München


Es tut mir leid, aber das ist Unfug. Nagano bitte ist Chef eines Opernhauses mit allen dazugehörigen administrativen Verpflichtungen. Hingegen ist Thielemann "nur" Chef eines Symphonieorchesters, was gesamt doch wesentlich weniger Verpflichtungen mit sich bringt und also auch nicht soviel Anwesenheit am Sitz des Orchesters hat. Beispielsweise war/ist Möst (noch) Chef in Zürich UND auch Chef in Cleveland, in letzteres ist er aber nicht hingezogen.

Gast: Catrin
25.07.2009 01:27
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CT soll bleiben!!

Thielemanns Vertrag wurde einfach in letzter Minute komplett geändert!! Plötzlich soll ein Intendant auf alle Künstlerische Fragen beantworten??
Ganz kurz:
-Karajan würde es nicht akzeptieren
-Celibidache auch nicht (NIE!!!)
-ein Metzmacher schon.......................

Also das gibt uns zu denken!!!

Sinkothek

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