In der Branche ist man mit dem Urteil schnell bei der Hand: Mit dem kann man halt nicht arbeiten, heißt es. Er ist in Nürnberg angeeckt, er ist in Berlin angeeckt, jetzt ist er in München angeeckt. So ist er halt, der Christian Thielemann. Zugegeben parteiisch, weil ich ihn für einen der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit halte, glaube ich doch, dass es objektivierbar ist, wenn ich behaupte: Was Thielemann in München verlangt hat, steht jedem Chefdirigenten der Welt zu. Nämlich Mitsprache und ein Letztentscheidungsrecht, welche andere Dirigenten welches Repertoire bei „seinem" Orchester dirigieren.
Man stelle sich vor, ein Intendant hätte einst einem Herbert von Karajan in Berlin, einem Georg Solti in Chicago, einem George Szell in Cleveland mitten in einen laufenden Brahms-Zyklus des Chefdirigenten eine Aufführung der Ersten Brahms mit einem berühmten Gastdirigenten „hineinprogrammiert". Und wäre der Wunsch des Gastes noch so dringlich gewesen, die Vorstellung wäre absurd gewesen.
Genau solche Absurditäten hat aber, so die übereinstimmende Aussage aller s-6;0Beteiligten, die Münchner Politik in Thielemanns Vertrag hineinoptiert. Wenns es tatsächlich das war, woran das Engagement des Dirigenten bei den Münchner Philharmonikern über 2011 hinaus jetzt gescheitert ist, dann ist hinter der Causa schwerlich etwas anderes als eine Intrige zu vermuten, sonst hätten nicht sämtliche politischen Entscheidungsträger mit einer Ausnahme gegen Thielemann votiert.
Aus also für ein musikalisches Gespann, das nicht nur in München große Pläne gehabt hätte. Zum Beispiel, wie unlängst vermeldet, szenische Aufführungen von Richard-Strauss-Opern und Wagners „Ring des Nibelungen" im Festspielhaus Baden-Baden. Was daraus wird, steht in den Sternen. Sicher kann man sein, dass im Falle einer Ersatzvornahme sich die Veranstalter für Thielemann und nicht für das Orchester entscheiden werden. Des Dirigenten wegen strömen Musikfreunde in Opernhäuser.
Die Münchner haben sich damit wohl ein wenig unvorsichtig in eine arge Bredouille manövriert. Das Orchester war stets das zweite Münchner Orchester, in artigem Abstand hinter dem viel bes-4;0rühmteren Symphonieorchester des Bayserischen Rundfunks.
Unter Chefs wie Sergiu Celibidache und eben Thielemann ließ sich dieser Abstand stets verkürzen und die internationale Aufmerksamkeit doch auch auf die Philharmoniker lenken. Man mag von den beiden Interpreten halten, was man will, sie garantierten hohe Aufmerksamkeit. Ob sich ein Dirigent dieses Kalibers findet, der bereit ist zu den genannten, also unattraktiven Konditionen die Nachfolge Thielemanns anzutreten, bleibt spannend abzuwarten. Um den Dirigenten muss man sich keine Sorgen machen. Er hat jetzt vielleicht mehr Lust, die zum Beispiel für Wien mit der designierten Direktion abgesprochenen Wagner- und Richard-Strauss-Abende an der Staatsoper - darunter eine Lohengrin-Premiere - tatsächlich zu dirigieren. Ganz abgesehen von seinen Bayreuther (und Salzburger) Sommerverpflichtungen, die bis 2015 feststehen. Viel Glück, München.
wilhelm.sinkovicz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2009)

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