Semperoper: Operntraum mit Anna Netrebko in Dresden

Mit Spannung erwartete Wagner-Debüts der Diva und des Tenors Piotr Beczała im „Lohengrin“ unter Christian Thielemann in der Semperoper.

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Semperoper Dresden - Lohengrin – (c) Daniel Koch - Semperoper

Über 30 Jahre alt ist die Dresdner „Lohengrin“-Produktion von Christine Mielitz. Mit historisierenden Kostümen und Bühnenbildern von Peter Heilein erzählt sie handwerklich geschickt und erfrischend direkt – alle „Lohengrin“-Klischees vom Schwan über das Münster bis zum Brautgemach inklusive – die Handlung. Elsa, ihre Weiblichkeit, ihre Emotionalität stehen dabei im Mittelpunkt.

Anna Netrebko kann in ihrer Gestaltung der Partie auf diesen Regievorgaben aufbauen. Ihre Elsa beherrscht eine riesige Bandbreite von inniger Wärme, jubilierender Freude bis zu angsterfüllter höchster Dramatik. Die prominente Debütantin singt dabei in völlig fehlerlosem, akzentfreiem Deutsch.

Von der lyrischen Wärme der Auftrittsszene über den strahlenden Jubel, mit dem sie das Ensemble im Finale des ersten Aufzugs anführt, stürzt sie sich im Mittelakt in ein Wechselbad der Emotionen. Der lichte Glanz des Glücksgefühls verwandelt sich, angestachelt durch Ortruds Klagerufe, bald in beklemmende Angstzustände. Doch auch in der intensivsten emotionalen Anspannung an der Seite der furiosen Ortrud von Evelyn Herlitzius verlässt die Netrebko nie die makellose Gesangslinie.

 

Wagner-Gesang mit Donizetti-Erfahrung

Dramaturgisch phänomenal auch, wie in der Brautgemachsszene dann die Schicksalsfrage aus einer von bohrender Ungewissheit zerstörten Existenz in höchster Emotion herausbricht, herausbrechen muss. Ihr Schicksal erfüllt sich konsequenterweise in einer Todesszene, in deren Gestaltung Netrebko auf ihre Erfahrung mit großen Wahnsinnsszenen des Belcanto zurückgreifen kann: Elsa von Brabant wird zu Lucia di Lammermoor.

Jubelnd dankte das Publikum auch dem zweiten prominenten Debütanten des Abends, Piotr Beczała, dessen herrlich lyrischer Lohengrin Erinnerungen an Nicolai Gedda wachruft. Dieser sehr in sich ruhende Gralsritter scheint wirklich aus einer anderen Welt zu kommen. Wie seine Elsa beherrscht auch er Wagners Text fehler- und akzentfrei. Schon seit einiger Zeit zum Mittelfach tendierend, überzeugt Beczała in dieser heldischen Partie, ohne sein samtenes lyrisches Timbre einzubüßen. Auch in exponierten Passagen setzt er seine Stimme niemals unvorsichtig ein.

Evelyn Herlitzius, die in Stimme und Darstellung ungemein intensive Ortrud, hat leichtes Spiel, wenn sie ihren Telramund nach der Niederlage wieder aufrichtet: Mit einschmeichelnden Tönen, dann gleich wieder herrisch auftrumpfend wird der streitbare Graf Wachs in den Händen dieses „fürchterlichen Weibs“.

 

Thielemanns Souveränität

Sirenenhaft mitleidheischend nähert sie sich auch Elsa, um mit dem wütenden Fluch („Entweihte Götter“) danach ihr wahres Gesicht zu zeigen – Ovationen auch für diese Glanzleistung und für den stimmgewaltigen Telramund von Tomasz Konieczny, dem das Kämpfen näher zu sein scheint als das Nachdenken. Beeindruckend die voluminöse, sicher geführte Stimme, ohne die früher bei ihm manchmal störenden Vokalverfärbungen. Georg Zeppenfeld mit sonorem Bass in einer seiner „Leibrollen“ als Heinrich der Vogler und Derek Weltons Heerrufer ergänzen das erlesene Sängerensemble, das sich bei Christian Thielemann sicher weiß.

Dem Dresdner Generalmusikdirektor gelingt es, die bei Wagner so essenzielle Einheit von Bühne und Orchester zu formen, ohne dass der mächtige Klangapparat der Sächsischen Staatskapelle je die Sänger zuzudecken drohte. Die vom ersten Moment an spannungsgeladenen, ebenso transparenten wie ausdrucksvollen Klänge tragen die Stimmen und heizen die Emotionen während der dramatischen Steigerungen kräftig an. Eine Sternstunde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2016)

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