Tänze über die Letzten Dinge

Die Wiener Philharmoniker und Andrés Orozco-Estrada tanzten bei Rachmaninows „Symphonischen Tänzen“ im Konzerthaus am Abgrund.

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(c) Clemens Fabry

Dies irae, dies illa: Im Finale der „Symphonischen Tänze“, seinem letzten Werk, wirft Rachmaninow auch noch sein Lieblingsmotiv in den längst brodelnden Hexenkessel: das strenge Zitat aus der mittelalterlichen Totenmesse. Dabei war es schon zuvor präsent: versteckt, in den ersten Tönen des Hauptthemas seiner geliebten, aber einst durchgefallenen ersten Symphonie. Am Ende des Stirnsatzes lässt er dieses Thema 45 Jahre später wie eine verklärte Erinnerung sanft schweben – als hätte er Frieden geschlossen mit der Vergangenheit. Die Stürme und Kämpfe überwiegen dennoch in diesen „Symphonischen Tänzen“, die ein Emigrantenschicksal, Weltkriege, Revolution und das Gefühl des nahen Endes widerspiegeln – mit einem schaurigen, lang nachhallenden Tamtamschlag am Ende.

Die Wiener Philharmoniker unter dem überaus tänzerisch agierenden, dabei jedoch stets auf Präzision bedachten Andrés Orozco-Estrada ließen bei allem Elan und schillernd gemischten Orchesterfarben keinen Zweifel am düsteren Grundcharakter dieser Musik. Dabei griffen nicht zuletzt die sonoren Soli von Klarinette, Oboe, Englischhorn oder Altsaxofon in satter, aber wohl dosierter Stärke und rhythmisch prägnant ineinander.

Orozco-Estrada, in Wien ausgebildet und hier seinerzeit als Chef der Tonkünstler bekannt geworden, ist ein seriöser Musiker und freundlicher Animator, den die Philharmoniker nach mehreren Einspringererfolgen nun ganz zu Recht für ihr zehntes Abonnementkonzert, die Wiederholung im Konzerthaus sowie einen Abstecher nach Madrid ans Pult geladen haben. Sein Gestaltungswille kommt ohne Willkürakte der Tempi und dynamische Brachialeffekte aus: Auch in Zoltán Kodálys eingangs so süffig wie differenziert ausgebreiteten „Tänzen aus Galánta“ verzichtet er auf jede Übertreibung.

 

Brillant: Hillary Hahn

Übertreiben kann man kaum, wenn man von der Makellosigkeit von Hilary Hahns Geigenspiel spricht: Zum Finale ihrer Konzerthaus-Porträtreihe setzte sie sich für das vierte Violinkonzert von Henri Vieuxtemps ein – ein Stück, das seit Jahrzehnten in Richtung Vergessenheit driftet, das die virtuose Amerikanerin aber mit blühendem Leben erfüllt. Seine wohlgesetzten, mal klassizistischen, mal rustikaleren Gesten, fast durchwegs in schwelgerische Emphase gekleidet, bereiten zumindest dann Freude, wenn sie so perfekt und zugleich mit Hingabe dargeboten werden wie diesmal. Stupender Bach als Zugabe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2016)

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