Saisonbeginn in der Staatsoper: "Faust", sensationell

Ein Glücksfall: Gounods Goethe-Oper, mit Soile Isokoski und dem Traum-Tenor Piotr Beczala unter Bertrand de Billys Leitung. Gottlob wurde für eine CD-Produktion mitgeschitten. Noch zu erleben: 7., 10., 13. September!

Kwangchul Youn als Mephisto
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Kwangchul Youn als Mephisto
(c) APA (Georg Hochmuth)

Charles Gounods „Faust“ steht auf dem Programm, und ich kann Musikfreunden nur empfehlen, die Staatsoper bei den Reprisen zu stürmen. Denn eine solche Opernaufführung zählt – nicht nur zum traditionell verschlafenen Saisonbeginn und auch nicht nur im Wiener Musikbetrieb – zu den Rarissima. Schon gar, wenn es nicht um Wagner, Mozart oder den späten Verdi, sondern um Gounod geht!

In Nicolas Joels vernünftigem, wenn auch keineswegs theatralisch forderndem Regie-Rahmen findet das Drama, wenn schon nicht szenisch, dann musikalisch statt. Und zwar so suggestiv, so ganz und gar, dass es keiner weiteren Inszenierung bedarf, um vergessen zu machen, dass Primadonna Soile Isokoski eher die Marthe Schwerdtlein zu spielen scheint als das Gretchen: In einer Sängerin, die von der Bangigkeit der Szene im Dom bis zum hell jubilierenden Entzücken über die funkelnden Juwelen dermaßen sicher und glockenrein sämtliche Register vokaler Virtuosität und Ausdrucksvielfalt ziehen kann, erblickt der wahre Opernfreund das reizendste Mädchen der Welt.

Dieses Gretchen muss ihren Faust bezaubern, der mit nämlicher Geschmeidigkeit und strahlender Farbigkeit zu singen versteht: Piotr Beczala ist der Stilist, wie er im Büchel – und leider so gut wie nie auf der Bühne – steht. Was wünschen Sie sich von einem Tenor? Ein strahlendes hohes C? Butterweich modellierte Phrasen, verhaltene Pianotöne, chevalereske Attacke? Beczala hat all das und noch mehr zu bieten.

Vor allem aber, und das ist das Entscheidende: In Wien verschmilzt sein Edeltimbre mit dem Klang des philharmonischen Orchesters – und weil Bertrand de Billy am Dirigentenpult steht, weiß man in der „Salut“-Arie gar nicht, wo man hinhören soll, so viel Wohllaut umschmeichelt das Ohr. Was die Musiker und auch der offenbar endlich erwachende Staatsopernchor diesmal an Differenzierungskunst und engagiertem, farb- wie nuancenreichem Musizieren bieten, das hört man in solcher Unbedingtheit sonst bestenfalls bei Premieren.

 

Gounod, mehrdimensional

Hinzu kommt die rundum stimmige Besetzung, auch des Mephisto von Kwangchul Youn, dem manch einer Mangel an Dämonie vorwirft, was wohl nur bedeuten kann: Verzicht auf protziges Bassistengehabe im „Rondo vom goldenen Kalb“, denn die Delikatesse, mit der Youn etwa das Ständchen in ein vielgestaltiges Kabinettstück verwandelt, hat seinesgleichen kaum. Das ist ein Teufel, der mehr als eine Dimension aufweist.

Exzellent alle übrigen, von Adrian Eröds edelstimmigem Valentin, der auch Kraft und Espressivo für die Todesszene mitbringt, Michaela Selingers sympathischem Siebel, Hans Peter Kammerers Wagner und die Marthe von Zoryana Kushpler, die das kleine Wunder vollbringt, aus einer völlig unauffälligen Rolle dank schöner Altstimme und bemerkenswerter Präsenz eine Figur aus Fleisch und Blut zu machen – und im entscheidenden Moment das Terzett der Stars partiturgerecht zum veritablen Quartett zu ergänzen.

Die Aufführung, zum Glück, wurde mitgeschnitten. Die CD darf die Staatsoper dann zum Beweis ihrer Lebenstüchtigkeit ins Regal stellen wie einen Goldpokal.

Charles Gounod: „Faust“. Reprisen am 7., 10. und 13. September.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2009)

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