Il Templario: Die triumphale Ausgrabung einer Belcanto-Trüffel

Die Salzburger Festspiele bringen Otto Nicolais vergessene Erfolgsoper aus dem Jahr 1840, Juan Diego Flórez und Luca Salsi brillieren.

Adrian Sampetrean, Kristiane Kaiser, Andrés Orozco Estrada und Juan Diego Flórez
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Adrian Sampetrean, Kristiane Kaiser, Andrés Orozco Estrada und Juan Diego Flórez
Adrian Sampetrean, Kristiane Kaiser, Andrés Orozco Estrada und Juan Diego Flórez – © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Die musikalische Trüffelsuche wurde zum Triumph: Der Jubel, der Samstagabend im Großen Festspielhaus nach der konzertanten Aufführung von Otto Nicolais wiederentdeckter Oper „Il Templario“ ausbrach, war der Lohn für das Wagnis, ein Stück aufs Programm zu setzen, von dessen schierer Existenz nur eingefleischte Kenner vorher überhaupt gehört haben, und von dem es – bisher – gerade einmal eine Aufnahme gab.

Für ein derartiges Unterfangen ist es immer hilfreich, als Lockstoff, als vokales Pheromon, einen Star einzuspannen. Praktischerweise hat sich Juan Diego Flórez gleich selbst als Ritter Vilfredo eingespannt, denn die Initiative für diese Produktion ging von dem peruanischen Publikumsliebling aus, der auch die Wiener Philharmoniker (Pheromon Nummer 2) nicht lange vom Werk ihres Gründers überzeugen musste. Das Orchester präsentierte sich denn auch in Bestform, so präzise wie klangsinnlich, mit herrlichen Holzbläsersoli und fein ziselierten Streicher-Linien.

Ein Deutscher gibt den Italiener

Was man da unter der so dramatisch zupackenden wie fein austarierten Leitung von Andrés Orozco-Estrada zu hören bekommt, ist eine veritable Belcanto-Trüffel. Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wie es da einem deutschen Komponisten gelang, sich den italienischen Stil der Zeit nicht nur anzueignen, sondern auch weiter zu prägen.

Eine verschwenderische Fülle melodischer Einfälle, eine prägnante Rhythmik, süßelnde Sexten, waghalsige vokale Luftsprünge, eine effektsichere Instrumentierung: Nicolai hat die Essenz des Belcanto völlig aufgesogen, manchmal wirkt es sogar fast überladen. Hätte ich mehr Einfälle, dann wäre ich in der ersten Reihe der Komponisten, hat er einmal sinngemäß gesagt. Wie viel mehr denn bitte noch?

Ein Kreuzzug als Ablenkung

Ein Versuch, sich der Handlung zu nähern: Vilfredo liebt Rovena, Rovena liebt Vilfredo. Soweit also alles gut, hätte nicht Rovenas Vater Cedrico etwas dagegen, weshalb Vilfredo mit dem Papa bricht und Ablenkung im Kreuzzug sucht. Schwer verwundet, rettet ihn die Jüdin Rebecca, die ihm natürlich sofort ebenso verfällt wie Tempelritter Briano ihr verfällt. Briano entführt also Rebecca („und bist Du nicht willig....“), doch die fände sogar den Tod charmanter als diesen Grobian. Vilfredo will nun seinerseits die fast zwangsläufig der Hexerei angeklagte Jüdin retten, und tödlich getroffen von Vilfredo-Flórez Spitzentönen sinkt Briano zu Boden. Rebecca verendet aus Gram, Vilfredo Rovena überlassen zu müssen. Soweit die Handlung. Der Inhalt lässt sich mit dem Sprichwort „Wer andern eine Grube gräbt....“ zusammenfassen. Man sieht also, eine konzertante Aufführung ist keine schlechte Lösung.

Die tragenden Figuren sind einmal nicht Tenor und Sopran (Rovena) sondern Bariton (Briano) und Mezzo (Rebecca). Die Entdeckung des Abends ist der hierzulande kaum bekannte Luca Salsi in der Titelrolle des Tempelritters Briano, dessen Auftritte Nicolai orchestral stets düster avisiert (Achtung, jetzt kommt der Böse!). Seine Stimme verfügt über ein enormes Volumen, doch dieses setzt Salsi umsichtig ein: Weit weg von plattem Rampen-Kraftmeiern, stellt er seine Stimmstärke immer in den Dienst einer geschmackvollen Phrasen-Modellierung und versteht sich ebenso auf ein substanzvolles Piano.

Flórez, unerschütterlich höhensicher

Clémentine Margaine als Rebecca ist ihm an Kraft ebenbürtig, sie verfügt über genau den hochdramatischen Mezzo, der für diese Rolle im Gegensatz zu schierer Tonschönheit überlebenswichtig ist. Anfangs gerät die Intonation noch eine Spur wacklig, diese Unsicherheiten verschwinden jedoch rasch. Kristiane Kaiser als Rovena wiederum intoniert perfekt, hat allerdings Mühe, bei ihrer – zugegebenermaßen undankbaren – Rolle auch emotionale Beteiligung über die Bühne zu bringen.

Dem strahlend-reinen, unerschütterlich höhensicheren Tenor von Flórez wirkt der Vilfredo wie auf den Leib komponiert. Schon die Strahlkraft seiner Stimme gibt seinen Liebesbekundungen etwas Dringliches, sie lodert tatsächlich hell und heiß wie ein Feuer, wenn er bekennt, von Rovenas Schönheit entflammt zu sein. Auch die kleineren Partien sind mehr als adäquat besetzt, mit dem Bass Adrian Sampetrean als so wohlklingendem wie Ehrfurcht gebietendem Cedrico, Armando Pina als Templer-Oberhaupt und Franz Supper als Rebeccas Vater.

Famoser Bach-Chor

Famos schließlich der von Alois Glassner bestens präparierte Salzburger Bach-Chor, denn „Il Templario“ ist nicht zuletzt auch eine Chor-Oper, und für das singende Kollektiv hat Nicolai einige der schönsten Passagen dieser Oper erfunden. Dass diese so lange in der Versenkung verschwand, ist einerseits unglücklichen Umständen zu verdanken und zweitens ein Irrtum. Dieser wurde nun korrigiert.

Nachzuhören am 3. September, 19.30 Uhr, Ö1

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