Fulminantes Findelkind

Die Französin Julie Fuchs begeisterte in Donizettis teilweise neu besetzter "Fille du régiment". Ebenfalls perfekt: Ildikó Raimondi.

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(c) Clemens Fabry

Weder Charisma noch Bühnenpräsenz kann man lernen. Die jüngst an der Wiener Staatsoper debütierende 32-jährige französische Sopranistin Julie Fuchs verfügt über beides. Sie braucht bloß auf die Bühne zu kommen und schon hat sie ihr Publikum gewonnen. Erst recht, wenn sie losgelegt und dabei mit einer Mischung aus unwiderstehlichem Charme und mitreißender Energie zu prunken weiß. Da sitzt jeder Ton, Fuchs weiß intelligent zu phrasieren und klar zu artikulieren, wie sie bei ihrem ersten Auftreten in Wien, als ehemaliges Findelkind Marie in „La Fille du régiment“, demonstriert hat. Fuchs, die auch Theaterwissenschaft und Violine studiert hat und zu den Preisträgerinnen von Plácido Domingos prestigeträchtigem Operalia-Wettbewerb zählt, wird wohl bald zu den ersten ihres Fachs zählen.

In dieser erstmals 2007 an der Staatsoper gezeigten Produktion agierte sie so souverän, als hätte man diese Regie für sie geschaffen. Dass man sich in Laurent Pellys Inszenierung, die bei allem Pointenfeuerwerk nie in billigen Witz abgleitet, nie an Tempo und Spannung einbüßt, nur wohlfühlen kann, haben die übrigen Debütanten dieses Abends gezeigt. Selbst wenn sie nicht in allen Szenen vokal gleich überzeugte und man den Eindruck hatte, dass ihr die Dialoge mehr lagen, gab Donna Ellen eine rollendeckende Marquise de Berkenfield. Montserrat Caballé und Kiri Te Kanawa gaben zuletzt die Duchesse de Crakentorp, eine Sprechrolle, für die jede Interpretin eine Gesangsnummer nach ihrem Geschmack mitbringt. Ildikó Raimondi, die diese Partie erstmals im Haus am Ring verkörperte, sang einen zündenden Gershwin, „By Strauss“, und ließ es im Dialog mit der Marquise nicht an Ironie und Resolutheit fehlen. Dass Carlos Álvarez ein idealer Sulpice ist, weiß man seit der Premiere. Er hat es auch diesmal bewiesen.

 

Vorzügliche Solisten im Orchester

Mehr als selbstgefälliger Feschak denn als glaubhaft um seine Marie kämpfender Liebhaber agierte John Tessier als höhensicherer Tonio. Aus dieser Rolle könnte man mehr Glanz herausholen als der Kanadier vorzeigte. Das Staatsopernorchester fand nach anfänglichen Bläserirritationen unter der sachkundigen Leitung von Evelino Pidó, dem viel an elegant modellierten Details lag und der den Sängern ein exzellenter Begleiter war, zu seiner gewohnten Form. Vorzüglich die Soli von Konzertmeisterin Albena Danailova und Solocellist Tamás Varga.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2016)

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