Donald Runnicles, der Dirigent der ersten Neuinszenierung in der diesjährigen Stagione im Theater an der Wien, hat mit Benjamin Brittens „Tod in Venedig“ einen großen persönlichen Erfolg gefeiert. Das Werk galt vor wenigen Jahren noch als Exoticum, als es die wackere freie Operntruppe im Jugendstiltheater zur Wiener Erstaufführung brachte. Seit den jüngsten Britten-Premieren an Staats- und Volksoper hat das Publikum freilich erkannt, welche Kraft in der Musik des britischen Meisters der „Antimoderne“ steckt.
Runnicles hat im Gespräch (während der Proben) für den Britten-Boom eine knappe Erklärung: „Es ist halt einfach unglaublich gute Musik, perfektes Musiktheater vor allem! Brittens Opern vermitteln eine Botschaft, die uns alle angeht: Was geschieht dem Menschen, wenn das Kollektiv sich gegen einen Einzelnen verschwört, das Dorf in Peter Grimes, die Mannschaft in Billy Budd.“
In der Thomas-Mann-Oper bringt Britten schließlich sein eigenes Problem auf die Bühne: sich ein Leben lang offiziell nicht zu seiner Homosexualität bekennen zu dürfen. „Ich möchte“, sagt Runnicles, „diesen Aspekt nicht überbetonen. Es geht ja bei Britten auch im ,Tod in Venedig‘ um viel, viel mehr, um Probleme, die uns alle angehen. Außerdem: Als Britten ,Tod in Venedig‘ komponierte, war er auch künstlerisch Außenseiter. Seine Musik galt damals als nicht modern genug, als unzeitgemäß.“
Runnicles, der nach 18 Spielzeiten als Generalmusikdirektor der Oper von San Francisco nach Berlin wechselt, hofft auf eine Verbesserung der notorisch schlechten Spielplankoordination zwischen den drei Opernhäusern der deutschen Hauptstadt. „Wir dürfen ja nicht vergessen“, sagt er, „wie ungleich viel größer das Angebot geworden ist, einen Abend zu verbringen.“
Dass es jetzt auch in Wien drei große Opernhäuser gibt, freut Runnicles, der nach Volks- und Staatsoper nun das Theater an der Wien erobert und meint: „Ein Haus mit Stagione-System zwischen zwei Repertoirebühnen bereichert das Musikleben enorm.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)


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