Staatsoper: Italianità für Wildwest

Puccinis „Fanciulla del West“ kehrte mit Eva-Maria Westbroek und José Cura zurück in den Spielplan.

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Eva-Maria Westbroek und Tomasz Konieczny können einander nicht näherkommen: Puccinis genial zwischen Brutalität und Lyrismus changierende „Fanciulla del West“ bringt Krimispannung in die Staatsoper. – (C) Staatoper/ Pöhn

Recht rüde geht es ja zu im Wilden Westen, das weiß man. Dass aber Giacomo Puccini einst so viele scharfe Kanten und schrille Farben nutzen würde, um eine Liebes- und Eifersuchtsgeschichte zu erzählen, die dort angesiedelt ist, das hätten sich die Liebhaber seiner „Bohème“ und der „Madame Butterfly“ nicht träumen lassen. Obwohl den Freunden endloser Lyrismen die zwischen den beiden genannten Stücken entstandene „Tosca“ hätte zu denken geben können. Was dort an Brutalität zu finden ist, schärft Puccini in der „Fanciulla del West“ noch einmal gründlich zu.

Und Dirigent Mikko Franck am Pult des Staatsopernrochesters nützt weidlich seine Chance, die Modernität dieser überreich orchestrierten Partitur Puccinis unter Beweis zu stellen. Die Musiker spielen denn auch virtuos auf, scheinbar ohne Rücksicht auf den notorischen Puccini-Wohlklang, der in diesem Werk willkommenes Beiwerk, aber nicht die Hauptsache ist.

 

Eine Minnie ohne Pumuckl-Frisur

Das Ensemble des Hauses agiert so hemdsärmelig und derb, wie sich das im Saloon gehört; und es erweist sich die Effektivität der musikalischen Dramaturgie des Komponisten: Die wenigen lyrischen Einsprengsel, die von Heimweh und Sehnsucht singen, wirken im zuweilen bis zur Karikatur geschärften Umfeld umso stärker.

Inmitten der Westernatmosphäre die Dreiecksgeschichte. Sie wird anlässlich der neunten Vorstellung der Inszenierung Marco-Arturo Marellis von exzellenten Protagonisten beinah filmreif nachgestellt. Eva-Maria Westbroek ist eine patente Minnie. Sie wird spätestens im zweiten Akt auch in den extremen Höhen sicherer und sicherer und versteht sich insgesamt bestens auf die Mixtur aus reschem Wirtinnencharme und versteckter Neigung zur Poesie. Diese junge Frau liest auch Bücher, das merkt man – kann sich aber gegen die unkultivierte Männerhorde mühelos durchsetzen. Und sie tut es gottlob mit langem, blondem Haar und nicht mehr unter der scheußlichen Pumuckl-Frisur, die die Premieren-Minnie Nina Stemme anno 2013 so entstellt hat.

José Cura ist – wie schon in den ersten Reprisen vor drei Jahren – wieder der Dick Johnson, ein Kraftlackel ohne Furcht vor irgendwelchen Spitzentönen, dunkel timbriert, aber recht großzügig im Umgang mit Rhythmus und Deklamation. Doch lässt ihn seine Nonchalance gewiss begehrenswert erscheinen und erklärt die Attraktivität des „Eindringlings“ ins Goldgräbermyzel.

Dagegen hat der grandiose Tomasz Konieczny als Sheriff notwendigerweise das Nachsehen, denn er zieht, wie er muss, alle Register von ungeschlachter Machtausübung bis zur ohnmächtigen Resignation angesichts einer Kraft, die offenbar stärker ist, als seine Haudegenschulweisheit sich je träumen ließ.

Auch diese langsam durchsickernde Erkenntnis, die Konieczny meisterhaft auszuspielen weiß, sichert dem Abend Spannung. Die Vorstellung ist kurzweilig, weil alle Pointen sitzen und die Balance zwischen Liebesgeschichte und brutalem Machotrip spannender als jeder Zwanzig-Uhr-fünfzehn-Krimi wirkt.

Wiederholungen: 30. November, 3. und 6. Dezember. Mit Emily Magee und Aleksandrs Antoņenko kommt „Fanciulla del West“ dann wieder im Jänner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2016)

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