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Konzerthaus: So süß schwelgte man anno 1874

29.10.2009 | 18:30 |   (Die Presse)

Das Royal Philharmonic mit russischen Repertoire-Schlachtrössern und einer Rarität: Joshua Bell geigte Édouard Lalo.

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Als der Repertoirekarren sich auf dem holprigen Weg der Musikgeschichte knirschend in die Kurve zur Moderne legte, muss sie einfach heruntergepurzelt sein, die Symphonie espagnole d-Moll op. 21 des Édouard-Victoire-Antoine Lalo: 1874 als Starvehikel für den großen Geiger Pablo de Sarasate fertiggestellt, ist sie ein unverblümtes Violinkonzert in fünf Sätzen, das im Paris von einst mit dem spanischen Kolorit seiner Themen (die Sarasate beigesteuert haben soll) auch noch ganz en vogue war, im Laufe des 20.Jahrhunderts aber mitsamt seinem Schöpfer an den Rand des Interesses von Solisten, Dirigenten und Publikum rückte.

Umso besser war die Idee, nach der Absage der Pianistin Martha Argerich eine solche Rarität in das Programm des unter seinem neuen Chef Charles Dutoit gastierenden Royal Philharmonic Orchestra aufzunehmen – hat der vielseitige Schweizer doch ein Faible für selten gespielte Werke, wie auch seine umfangreiche Diskografie zeigt. Dazu stand mit Joshua Bell ein gänzlich uneitler Musiker zur Verfügung, der sich in Kantilenen suhlen konnte, ohne ihnen zusätzliches Saccharin beizumischen, der die vertrackten technischen Herausforderungen des Virtuosenstücks beeindruckend meisterte.

 

Dominanz der Bläser

Wenn dieses nun im Großen Konzerthaussaal etwas unentschlossen zwischen symphonischer Attitüde, folkloristischem Charme und süßlichem Akazistücklduft zu schwanken schien, lag es jedenfalls nicht an Dutoit und Bell. Das Orchester schien sich bei den flankierenden „Romeo und Julia“-Kompositionen russischer Provenienz durchaus wohler zu fühlen: Dort konnten die in großer Besetzung angerückten britischen Gäste lustvoll alle Begleitungsdiskretion aufgeben und ausgiebig ihre tüchtig trainierten Soundmuskeln spielen lassen. In Tschaikowskys eingangs pastos aufrauschender, insgesamt vielleicht etwas zu episch breit aufgefasster Fantasie-Ouvertüre kündigte sich dabei schon die Dominanz der Bläser (vor allem des knackigen tiefen Blechs) an, die dann auch die von Dutoit erstellte Nummernfolge aus Prokofjews Ballett prägte – exquisiten Farbspielen, dissonanten Zuspitzungen und solistischem Glitzern zum Trotz. Die Streicher hatten dagegen keinen ganz leichten Stand. Der Wirkung tat das keinen Abbruch. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2009)

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