Loisiarte: Expressive Musik im mystischen Raum

Von Barber bis Vivaldi: Zum zwölften Mal bittet Christian Altenburger zu seinem exquisiten Festival Loisiarte in Langenlois.

Feinsinnig. Loisiarte-Intendant Christian Altenburger spielt Musik von Christoph Ehrenfellner,  und Lutosławski.
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Feinsinnig. Loisiarte-Intendant Christian Altenburger spielt Musik von Christoph Ehrenfellner,  und Lutosławski.
Feinsinnig. Loisiarte-Intendant Christian Altenburger spielt Musik von Christoph Ehrenfellner, und Lutosławski. – (c) Christine Ebenthal

Kammermusik, Literatur und zeitgenössische Musik bietet demnächst wieder Christian Altenburgers Loisiarte. Wobei, musikalisch betrachtet, mit Witold Lutosławski ein Klassiker der Moderne und mit dem Österreicher Christoph Ehrenfellner einer der bemerkenswertesten Köpfe der jungen Musikszene im Mittelpunkt stehen.Ehrenfellner ist 2017 Composer in Residence in Langenlois und schlägt gleich am ersten Festivalabend mit seiner Auftragskomposition orientalische Töne an. Dem Arnold-Schönberg-Chor und dem Festspiel-Intendanten hat er seinen „Orientalischen Liederzyklus für gemischten Chor und Solovioline“ auf den Leib geschneidert. Dass der Chor zu solchen Ehren kommt, ist verdient: Erwin Ortners virtuose Sängerschar ist seit Beginn Fixstarter bei der Loisiarte. Man hat vor allem den mystischen Raum tief unter der Erde im Kellersystem von Langenlois, die für das Musikfest sogenannte Basilika, für sich entdeckt und lieben gelernt. Dort wird die Novität zum Auftakt des Fests aus der Taufe gehoben. Altenburger, für den der Instrumentalsolopart gedacht ist, hat Ehrenfellners Partitur schon in Händen und weiß zu berichten: „Es ist ein höchst expressives Werk für eine sehr ungewöhnliche Besetzung.“

Erstmals Barockes. Ehrenfellner wurde 1975 in Salzburg geboren. Mit fünf begann er, Geige zu spielen, und lernte bei Oskar Hagen, Vater des Hagen-Quartetts. Bei den Wiener Sängerknaben ging er zur Schule und studierte hernach am Mozarteum. Zeitgenössische Musik ist eine seiner Spezialitäten. Bei der Loisiarte ist Ehrenfellner nicht nur als Komponist, sondern auch als Geiger und Dirigent vertreten, um, wie Altenburger das formuliert, „auch auf diese Weise entscheidende interpretatorische Impulse zu geben“. Zu den Kompositionen Ehrenfellners kommen Werke Lutosławskis, dessen charakteristische Tonsprache dem Festivalchef von einem Konzert in besonderer Erinnerung ist, „bei dem ich ,Chain II‘ unter Lutosławskis eigener Leitung spielen durfte“. Für die Loisiarte hat Altenburger eine repräsentative Auswahl aus Lutosławskis kammermusikalischem Schaffen vorgesehen. Im Übrigen widmet sich das wieder luxuriös besetzte Festspielensemble, zu dem heuer erstmals auch Studenten der Wiener Musik-Universität stoßen, Werken von Brahms, Arvo Pärt und – Barockes ist eine echte Premiere im Loisiarte-Programm – von Antonio Vivaldi. Außerdem steht das bekannteste Werk des 1981 verstorbenen Amerikaners Samuel Barber, das „Adagio für Streicher“, auf dem Programm, ein Stück, das den Personalstil dieses in seiner Heimat nach wie vor hochgeschätzten Komponisten bestens demonstriert: Barber rettet die Gefühlswelten der Spätromantik ins 20. Jahrhundert.

Babel, Alice Munro. Besonders am Herzen liegt Christian Altenburger außerdem die Erinnerung an einen der böhmischen Meister der vorvorigen Jahrhundertwende, Josef Suk. Er, so erläutert Altenburger „gehört zu den bedeutendsten tschechischen Komponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, war Schüler und Schwiegersohn von Antonín Dvořák, der für den jungen Kollegen zugleich inspirierend und prägend war.“ Bei der Loisiarte wird man die beiden Liederzyklen hören können, die der 26-jährige Suk für gemischten Chor bzw. Frauenchor schuf. „Das ist“, sagt Altenburger, „Musik eines jungen Meisters, der gerade auf dem Sprung zu seiner ganz persönlichen Klangsprache ist.“ Traditionell sind die vier Loisiarte-Programme den vier Himmelsrichtungen zugeordnet. Wobei nicht nur der musikalische Kompass ausschlagen soll. Wie gewohnt, ist auch die Literatur fixer Bestandteil aller vier Programme, wobei Kuratorin Angelika Messner diesmal vor allem wissen wollte, wie weit „Autoren bei Themen und Formulierungen von ihrem Umfeld beeinflusst“ werden: „Kann das Publikum die autochthone ,Temperatur‘ der Texte zuordnen?“ Das wird spannend. Der Text des ersten Abends, so Messner, „erwartet die Zuhörer im Osten“. Andrea Eckert rezitiert die Erzählung „Erwachen“ von Isaak Babel, einen Text, der „den Klang der Hafenstadt am Schwarzen Meer“ (Odessa) vermittelt, zart, poetisch, dabei überaus kraftvoll über eine russische Kindheit referiert, geprägt von der religiösen Tradition der Chassidim und der Bibel. Babel, so Messner, „gehört der verlorenen Generation russischer Schriftsteller an, in seiner Jugend gefeiert, danach vom Stalin-Regime geächtet und ermordet, schließlich vergessen. „Sein kurzes, dramatisches Leben verflackerte wie eine erlöschende Fackel, doch hinterließ er ein kleines und großartiges Werk.“ Am zweiten Abend hören wir, gelesen von Regina Fritsch, Alice Munros „Vergebung in Familien“, den Monolog einer jungen Frau, die das Verhältnis zu ihrem Bruder und der gemeinsamen Mutter auslotet. John Updike verglich die erzählerische Kraft Munros mit Tschechow. Die Autorin steht in der Tradition der angelsächsischen Short Story und erhielt 2013 den Literaturnobelpreis.

Pirandello. Der Norden ist 2017 literarisch durch Bernd Cailloux vertreten, der Loisiarte-Besuchern schon ein Begriff ist. 1945 in Erfurt geboren, war er für seinen Roman „Das Geschäftsjahr 1968/69“ für den Deutschen Buchpreis nominiert. Joseph Lorenz liest „Im Erzählerstau“, ein Bericht über einen Schriftsteller, der in der Ära vor der Revolution der elektronischen Medien versucht, eine Kurzgeschichte zu einem Wettbewerb einzureichen, dabei aber an den Tücken der Post zu scheitern droht. Cailloux ist mit dieser Geschichte beinah dasselbe passiert wie das, worüber er berichtet: „Im Erzählerstau“ wurde 1991 beim Montblanc-Literaturpreis von der Jury übersehen, dann aber wiedergefunden und prämiiert. Luigi Pirandellos „Angst vor dem Glück“, gelesen von Joachim Bißmeier, setzt als Vertreter des Südens am Vormittag des 26. März den poetischen Schlusspunkt. Der Meister der theatralischen Doppelbödigkeit berichtet von einem Unglücksraben, der sich stets auf der Verliererseite sieht und daher versucht, dem Schicksal eins auszuwischen, indem er all seine Wünsche ins Gegenteil verkehrt – erhebliche Komplikationen mit den Mitmenschen sind die Folge.

Tipp

Loisiarte 23., 24., 26. März, jeweils 19 bis 21 Uhr, Finale am 26. März, 11 bis 13 Uhr, Loisium-Allee 1, 3550 Langenlois

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